Organisationsethik bereichert

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Eine qualitative Studie in vier Einrichtungen der Caritas Wien zeigt, wie wichtig Partizipation, Orte für ethische Reflexion und qualifizierte Teamleitungen sind.

Ethik ist eine Ressource. Dieser Grundthese folgend investiert die Caritas der Erzdiözese Wien in ihrem Strategie-Prozess 2020 viel im Bereich Organisationsethik und Wertearbeit. Organisationsethik schafft Raum für ethische Reflexion über das Gute in organisationalen Strukturen und Prozessen. Sie hilft, Handlungsspielräume sowohl individuell als auch organisational abzusichern.

In einer qualitativen Studie [1] aus dem Jahr 2016 wurde in vier Caritas-Einrichtungen der Bereiche Menschen mit Behinderung, Wohnungslosenhilfe und Pflege untersucht, inwiefern eine implementierte Organisationsethik eine Ressource für Mitarbeitende im beruflichen Alltag ist. 17 hauptberufliche Mitarbeiter(innen) – von der Reinigungskraft bis zur Teamleitung – wurden befragt.

Die Mehrheit der Mitarbeiter(innen) kennt die Leitbilder auf Bereichs- und Organisationsebene kaum. Doch auch wenn sie diese Dokumente in ihrer täglichen Arbeit nicht verwenden, beschreiben sie implizite Haltungen, die sich mit der Grundausrichtung der Caritas decken. „Wer sind die Schwächsten?“ ist zum Beispiel für eine teilnehmende Mitarbeiterin eine wiederkehrende Frage in der Caritas. Die zentralen drei Werte sind für die Befragten der Einsatz für die Schwächsten, Empathie und Beteiligung.

Die Mitarbeitenden erzählen von Situationen, in denen diese Werte herausgefordert sind. Sie kämpfen im beruflichen Alltag für Zukunftsperspektiven wohnungsloser Menschen, insbesondere wenn Rechtsvorschriften dem Einzelfall nicht gerecht werden. In der mobilen Pflege sind sie für bedürftige Menschen da, auch wenn die Finanzierung unsicher ist. In der Behindertenarbeit treten Spannungen zwischen Autonomie und objektivem Wohl eines Klienten auf.

Ethische Dilemmata wie diese bedürfen einer argumentierenden Reflexion normativer Fragen. Für Ruth Großmaß, Professorin für Ethik der Sozialen Arbeit i.R. (Alice Salomon Hochschule Berlin), sind Kennzeichen der gegenwärtigen Sozialen Arbeit eine der Professionalisierung geschuldete, abstrakte Solidarität und eine Beziehungsasymmetrie, d.h. ein Machtgefälle zwischen Sozialarbeiter(inne)n und Klient(inn)en. In ihrem Artikel „Das kann ich nicht mehr verantworten! Ethische Reflexion in der Sozialen Arbeit“ [2] beschreibt sie den Anspruch an die Soziale Arbeit, mit sozialen und kulturellen Differenzen adäquat umzugehen und zugleich die individuelle Identität einzubeziehen. Für Großmaß ist ethische Reflexion erforderlich, um als Sozialarbeiter(in) sensibel mit Diversität und dem vorhandenen Machtgefälle umzugehen. Für eine „gute“ Praxis müssen Entscheidungen überprüft und Handlungsspielräume gesichert werden, zum Beispiel durch eine Organisationsethik.

Deutlich wird durch die Studie, was partizipative Prozesse und ein „Zu-eigen-Machen“ des Leitbilds bewirken. Sehr präsent ist das Leitbild der Behindertenarbeit, das in einem breit angelegten Erarbeitungsprozess erstellt wurde, in dem auch die Klient(inn)en eingebunden waren. In diesem Sektor werden im beruflichen Alltag Bezüge zum Leitbild hergestellt, und es wird von den Befragten als „unser Leitbild“ gesehen.

Ethik organisieren

Reflexion braucht entsprechende Räume und Zeiten. In der Studie wird deutlich, dass Teamsitzungen und Supervision die privilegierten Orte dafür sind: „In der Supervision nehmen wir alle Themen der Kollegen durch und versuchen, einen gemeinsamen Lösungsweg zu finden.“ Hat eine Entscheidung hohe Relevanz und große Auswirkungen, wird Konsens angestrebt. Mehrere Zugänge zu einer Frage ermöglichen für die Befragten bessere Lösungen, weil unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen: „Es gibt bei uns keine gravierenden Entscheidungen, die nur von einer Person gefällt werden.“ Mitarbeitende erzählen, dass sie immer wieder das Vier-Augen-Prinzip anwenden: „Wenn ich im Zwiespalt stehe, halte ich Rücksprache.“

Andreas Heller und Thomas Krobath, Herausgeber des 2010 erschienenen Handbuchs „Ethik organisieren“ [3], nennen diese Räume „ethische Arrangements“, die je nach Organisationskontext unterschiedlich ausgestaltet sein können. Entscheidend ist, dass sie „Orte der Differenz“ sind, die das Alltagsgeschäft unterbrechen. Auch Gefühle wie Betroffenheit oder Sprachlosigkeit finden Platz und werden in den Entscheidungsprozess integriert. Für Heller und Krobath sind solche Unterbrechungen entscheidend für die (Über-)Lebensfähigkeit von Organisationen. Nur wenn diese ihre Herausforderungen und Grundwidersprüche reflektieren und bearbeiten, können sie ihre Relevanz behalten.

Gerade in widersprüchlichen Situationen entlastet eine Organisationsethik den Einzelnen und trägt zur Demokratisierung und Humanisierung arbeitsspezifischer Kontexte bei. Ethik betrifft dann nicht nur Führung und Management, sondern alle organisationalen Strukturen und Prozesse. Ein Teamleiter beschreibt es so: „Wenn man die Möglichkeit hat, sich kurz rauszunehmen und zu schauen: Okay, wo will ich denn hin? Dann geht es ein Stück weit einfacher.“

In der Studie legen die Befragten dar, welche Ressourcen vonseiten der Organisation gutes Arbeiten und gutes Entscheiden stützen. Sie nennen Fortbildung, Gesundheitsprävention, Vereinbarkeit mit Familie und eine kompetente Leitung.

Schlüsselposition Führungskraft

Die Rolle der Leitung für gutes Arbeiten wird mehrfach betont, und anspruchsvolle Anforderungen werden an sie gestellt: hohe Kommunikationsfähigkeit, Nähe zur Basis, Fachkompetenz, persönliche Mitarbeiterführung, Schutzfunktion für die Mitarbeitenden nach außen und Leadership-Qualitäten. Eine Mitarbeiterin beschreibt es so: „Die Chefin stellt sich je nach Situation vor, neben oder hinter mich.“

Im Hinblick auf Organisationsethik hat die Führungskraft eine „Enabler“-Funktion, indem sie Ressourcen schafft und für eine Moderation sorgt. Neben personeller und finanzieller Freiräume ist die Zeit ein wichtiger Faktor, denn Zeitdruck erschwert qualitätsvolle ethische Entscheidungen. Es ist besser, nur ausgewählte Themen einem organisationsethischen Prozess auszusetzen. Die Moderation mit der nötigen Prozesskompetenz wird von einer internen oder externen Person übernommen.

Führungskräfte sichern für ihr Team auch Handlungsspielräume ab. Ein befragter Mitarbeiter erzählt: „Die Leitung springt da ein, wo sie unterstützen kann oder wo Richtlinien von oben eingehalten werden müssen. Sie unterstützt auch dabei, Richtlinien ein bisschen auszudehnen, wenn es im Sinne der Klienten ist.“ Hier wird die politische Dimension einer Organisationsethik deutlich. Eine bewusste Reflexion der Caritas-Werte stützt nach innen und ermöglicht eine bessere Kommunikation nach außen.

Innovative Fortbildung durch Werte-Reisen

Die Caritas Wien ist eine große Organisation mit aktuell 5.300 Mitarbeiter(inne)n. In der Implementation einer Organisationsethik bezieht sie Mitarbeitende aller Ebenen repräsentativ mit ein. In den vergangenen Jahren wurden sogenannte Ethik-Cafés in Einrichtungen und Fortbildungen zu „Art of Hosting“ angeboten. Es handelt sich dabei um einen partizipativen Stil für gemeinschaftliche Prozesse, der sich als „Kunst des Gastgebens und Erntens guter Gespräche“ versteht und weltweit eingesetzt und weiterentwickelt wird. Die Caritas bemüht sich in der Kommunikation um einen sensiblen Umgang mit Sprache, damit christliche Begriffe wie Barmherzigkeit, Nächstenliebe oder Gerechtigkeit für Beteiligte – auch Mitarbeitende – nicht abstrakt bleiben.

Sogenannte Werte-Reisen sind Teil eines neuen Fortbildungskonzepts für Wertebildung, das die Caritas Wien entwickelt hat. Führungskräfte besuchen Einrichtungen in einer anderen Region und erschließen in Kleingruppen vorhandene Werthorizonte. Mithilfe von „Storytelling“ werden Geschichten erzählt und Bilder gefunden, warum es wert ist, diese Arbeit zu tun. Diese Methode ist hilfreich, um implizites Wissen zu heben und sichtbar zu machen. Bei einer Werte-Reise des Bereichs Menschen mit Behinderung war Demut der am häufigsten genannte Wert. Die Auseinandersetzung mit Haltungen und Werten baut eine Brücke zwischen den Rahmenvorgaben des Leitbilds und der täglichen Praxis.

Ethik im Spontanaustausch und in der Jahresklausur

Die Studie macht exemplarisch deutlich, wie in Einrichtungen der Caritas Wien Organisationsethik gelebt wird. Ethisches Nachdenken geschieht in unterschiedlichen Kontexten vom Spontanaustausch über die Kaffeepause bis zur Jahresklausur. Diese Orte unterscheiden sich in ihrer Formalisierung und Routinisierung und haben alle ihren spezifischen Wert.

Organisationsethik gibt den befragten Mitarbeiter(inne)n Sicherheit für ihr autonomes Handeln, stellt aber zugleich erhöhte Anforderungen an Führungskräfte. Darüber hinaus ist gemeinsame, ethische Reflexion zeitintensiv und erfordert eine Themenselektion. Die Caritas Wien forciert im laufenden Strategie-Prozess 2020 Fortbildungen in diesem Bereich, damit Ethik noch stärker als Ressource wahrgenommen und genützt wird.

Anmerkungen:

[1] Die Studie wurde im Rahmen einer Masterarbeit im Studiengang „Sozialwirtschaft und Soziale Arbeit“ am FH Campus Wien erstellt: Peter Rinderer: Ressource Ethik. Partizipation und Unterstützung hauptberuflicher MitarbeiterInnen der Caritas Wien durch eine Organisationsethik, 2016.

[2] Ruth Großmaß: Das Kann ich nicht mehr verantworten! Ethische Reflexion in der Sozialen Arbeit. In: Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (Hrsg.): Soziale Arbeit. 65 (3/2016). 89-101.

[3] Thomas Krobath (Hrsg.), Andreas Heller (Hrsg.): Ethik organisieren. Handbuch der Organisationsethik. Freiburg: Lambertus, 2010.

(Dieser Artikel erschien in „neue caritas“ 14/2017, Foto: pixabay.com/Anemone123)

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Auftanken

In wunderbarer Natur unterwegs mit Freunden,
gemeinsam hoch hinaus etwas wagen,
über Gott und die Welt philosophieren,
im JETZT leben.

In wunderbarer Natur unterwegs mit mir selber,
den Alltag ruhen lassen und nicht an „Todos“ denken,
dankbar und versöhnt mit dem Vergangenen,
im JETZT leben.

In wunderbarer Natur unterwegs mit Gott,
Notebook und Smartphone auf „off“,
staunen und Seine Gegenwart erspüren,
im JETZT leben.

In wunderbarer Natur – zum AUFTANKEN!

(Gedanken während einer Urlaubswoche in Kals am Großglockner, Juli 2017)

Coraggio! Nur Mut!

Coraggio - Beitrag im miteinander 5-6/2017

Ein junger Ordensmann erzählt von mutigen Entscheidungen, Ratschlägen eines erfahrenen Mitbruders und seinem Lieblingsort: den Bergen.

„Los! Du kannst kommen!“, ruft mir der Bergführer zu. Vor mir erhebt sich eine schräge Felsplatte, eine Schlüsselstelle auf der Westroute zur Zimba. Dieser Berg liegt im Vorarlberger Rätikongebiet und wird auch als Matterhorn Vorarlbergs bezeichnet. Als Kind blickte ich jeden Tag auf die imposanten Felsen dieses Berges. Einmal oben zu stehen, das war mein Traum. Direkt vor der schwierigsten Stelle liegt nun ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch. Nicht nur der Puls steigt, auch die Unsicherheit. Langsam taste ich mich vor und suche nach sicheren Griffen. Ich hänge am Sicherungsseil und weiß: Es kann nichts passieren, obwohl es auf der einen Seite hunderte Meter steil nach unten abfällt. „Peter, du schaffst das!“, ruft mir mein Bruder von oben zu.

Ich Priester?

Vor zehn Jahren habe ich mich entschlossen, den Weg zum katholischen Priester zu beginnen. Ich war damals Volontär in Mexiko, engagierte mich dort in einem Jugendzentrum und dachte viel über mein Leben nach. Gründer eines Internetstartups oder Priester waren für mich mögliche Zukunftsträume. Ähnlich wie auf einer Bergtour hatte ich in dieser ungewissen Lebenssituation ein starkes Sicherungsseil durch meine Familie und meinen Freundeskreis. Trotz mancher Unsicherheiten spürte ich immer klarer die innere Stimme zur Christusnachfolge als Priester. Die Freude und der Friede, die ich dabei spürte, bestätigten mich in meiner Entscheidung.

Zwei Jahre später war ich im Noviziat der Salesianer Don Boscos in Pinerolo in Norditalien. In der dynamischen, internationalen Gemeinschaft lebte auch Pater Natale, der immer ein gutes Wort für uns 24 Novizen hatte. Der 90-Jährige ging viel im angrenzenden Park spazieren und strahlte viel Weisheit aus. 30 Jahre hatte er als Missionar in China verbracht. Bei den Mahlzeiten erzählte er gerne abenteuerliche Geschichten aus seinem Leben und schloss mit einem mutmachenden Wort: „Coraggio!“ – „Nur Mut!“ Im Vorbeigehen rief er uns öfters zu: „Immer vorwärts! Ohne Angst!“

Am Sicherungsseil vorwärts

Trotz Unsicherheiten weiterzugehen, ist eine immense Herausforderung, manchmal sogar eine Überforderung. In vielen Situationen erlebe ich, wie wichtig die Seilsicherung ist, die mich festhält. Sie steht als Symbol für das, was mich trägt. Mein Sicherungsseil besteht aus tragenden menschlichen Beziehungen und der Zusage Gottes, dass er mir nah und treu ist. Dieses Vertrauen hilft, vorhandene Ängste wahrzunehmen und zu überwinden.

Viel Mut erforderte für mich der Schritt nach Mexiko, noch mehr jener zum gottgeweihten Leben. Viel Mut erfordern aber auch Alltagssituationen, die mich aus einer gewissen Komfortzone herauslocken. Immer wieder denke ich mir in der Tagesreflexion: „Hätte ich doch dieses und jenes gemacht!“ oder „Warum war ich in dieser Situation nicht mutiger?“ Zugleich habe ich oft die Erfahrung gemacht: Der Mut zum ersten Schritt ermöglicht neue Chancen und Wege.

Die schräge Platte auf dem Weg zur Zimba habe ich überwunden und dann mit meinen zwei Brüdern die Aussicht am Gipfel genossen. Ohne das Sicherungsseil wäre die Angst zu groß gewesen und ich hätte es nicht geschafft. Mit Mut zu leben bedeutet für mich, mir der Sicherheiten in meinem Leben bewusst zu sein, die mir Gott und wichtige Mitmenschen schenken. Dieses Vertrauen bestärkt mich, nicht stehen zu bleiben, sondern – wie Pater Natale uns Novizen sagte – immer weiterzugehen. Coraggio! Nur Mut!

(Erschienen im Mai 2017 im Magazin „miteinander“)

Eine Schifahr-Predigt

(6. Sonntag im Jahreskreis A)

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wir haben eine wunderbare Schiwoche in Ost- und Südtirol verbracht. Pulverschnee, Natur, Berge, Sonne, Spaß, gute Gespräche, gemeinsames Beten – alles ist dabei gewesen. Die Texte aus der heiligen Schrift drehen sich heute um das Thema der Gebote. Welche Bedeutung haben Gebote in unserem Leben? Will uns Gott mit seinen Gesetzen drohen? Oder vielmehr die Richtung zu einem geglückten Leben zeigen?

Pater Hans hat mich gebeten zu erzählen, was das Wort Gottes für mich bedeutet und was es in meinem Leben bewirkt hat. Das tue ich sehr gerne. Ich bin ein begeisterter Schifahrer und möchte heute anhand von Bildern aus der Schiwelt davon erzählen.

Stellen wir uns vor, wir stehen an der Bergstation, die Schi angeschnallt und bereit zum losfahren. Doch davor wandert unser Blick noch in alle Himmelsrichtungen in dieser traumhaften Bergkulisse. Für mich steht die Sonne für Gott. Sie ist immer da. Auch wenn es bewölkt oder neblig ist, spendet die Sonne Licht. So ist es auch im Leben: Nicht immer ist Gott direkt wahrnehmbar. Manchmal spüre ich ihn nicht – und er ist doch da.

Für mich steht die Piste für die Gemeinschaft der Gläubigen, für die Kirche. Es gibt viele Möglichkeiten sich auf der Piste fortzubewegen. Einige schnell, andere langsam, jemand liegt im Schnee. Zusammen bilden sie eine Gemeinschaft, die in die gleiche Richtung unterwegs ist.

Am Pistenrand stehen Schutzzäune an steil abfallenden Stellen und viele Hinweis- und Richtungsschilder. Die Schilder und Zäune stehen für die Gebote Gottes. Sie zeigen uns den Weg und warnen vor gefährlichen Stellen. Um auf der Piste des Lebens voranzukommen, helfen uns die Gebote Gottes. Jesus nimmt die reiche jüdische Tradition an Geboten auf und akzentuiert sie mit seinem Leben:

  • Liebe: Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (vgl. Mk 12,31);
  • Freude: Weil Jesus durch alles Leid gegangen ist und zu neuem Leben auferstanden ist, kann Paulus sagen: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit“ (vgl. Phil 4,4);
  • offene Augen: Weil Jesus aktiv auf Ausgeschlossene zugegangen ist und geholfen hat;
  • oder Treue und Geduld.

Von meinem Lebens- und Glaubensweg möchte ich auch mit Bildern des Schifahrens erzählen. (1) Geburt und Kindheit waren für mich wie eine große, breite Piste. Ich bin in einer wunderbaren Familie mit zwei Brüdern aufgewachsen und habe gute Ausbildungsmöglichkeiten bekommen. Nach dem Besuch der Sporthauptschule war ich auf einer HTL für Elektronik und träumte davon, später ein Software-Startup zu gründen.

(2) Ein schwarze Piste war das einjährige Volontariat direkt nach der Matura. Ich war in einem Jugendzentrum der Salesianer Don Boscos in Tijuana/Mexiko tätig. In den vielen Herausforderungen habe ich entdeckt, was alles in mir steckt. In diesem Jahr bin ich mutiger und weitsichtiger geworden. Immer klarer wurde mir, dass ich Salesianer und Priester werden und mit meinem Leben besonders für Kinder und Jugendliche da sein möchte.

(3) Ein Schitrainingslager war das Noviziatsjahr in Italien. Nach dieser intensiven Zeit des Lernens, Ringens und Reifens legte ich 2009 das erste Versprechen als Salesianer Don Boscos ab. (4) Übung, Übung und nochmals Übung ist das Wichtigste für jeden, der ein Meister werden will. Ich habe Theologie, Soziale Arbeit, Sozialmanagement und Journalismus studiert um meine Talente weiterzuentwickeln. Immer war ich auch in der Jugendarbeit aktiv und habe junge Menschen begleitet. (5) Ebenso wichtig ist die Ernährung – für mich das tägliche Gebet: Ich nehme mir Zeit für Gott und bin lobend, bittend und dankend bei ihm. Aus dieser täglich sich erneuernden Beziehung mit Gott schöpfe ich viel Kraft.

(6) Ich bin bald ein fertig ausgebildeter Schitrainer. Als Diakon und Priester möchte ich andere auf den Pisten des Lebens begleiten und ihnen von der Sonne, die Gott ist, erzählen, denn er ist es, der alles Leben ermöglicht. Ebenso möchte ich auch die Pisten verlassen und im Tiefschnee Menschen unterstützen, die feststecken.

Liebe Schwestern und Brüder! Abschließen möchte ich meine Schifahr-Predigt mit drei Wünschen:

  1. An die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schiwoche: Ich wünsche euch, dass ihr nach dieser Urlaubswoche wieder gut zurückkehrt auf die Pisten des Lebens – mit viel Liebe, Freude, offenen Augen und Geduld.
  2. An alle Anwesenden: Bitte betet für mich, dass ich als Diakon und Priester ein guter Begleitung für andere auf den Pisten des Lebens sein kann.
  3. Ich wünsche euch, dass ihr die Gebote Gottes als Hinweisschilder und Schutzzäune sehen könnt, die Jesus uns schenkt. Gott wünscht sich für jeden und jede ein gutes und geglücktes Leben.

Amen.

Bibelstellen:

  • Sir 15,15-20: „Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften“
  • 1 Kor 2,6-10: „Wir verkündigen die Weisheit, die Gott vorausbestimmt hat“
  • Mt 5,17-37: „Wer die Gebote hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“

Ein kleines Stück die Welt verbessern

Volontariat im Don Bosco Magazin 01/17

Als „Don Bosco Volunteers“ engagieren sich junge Erwachsene in Don Bosco Projekten in Österreich und weltweit. Warum sie das machen und was ihr Einsatz ihnen selbst, den Menschen vor Ort und unserer Gesellschaft bringt.

Fünf Kinder stürmen über den betonierten Sportplatz auf mich zu, als ich gerade die Metalltür ins Jugendzentrum aufsperre. Mir um den Hals fallend ruft einer: „Pedro, dürfen wir Kicker spielen?“ Ein Mädchen hält mir stolz einen Zettel hin: „Ich habe den Anmeldeabschnitt für den Ausflug am Samstag dabei.“

Zehn Jahre sind seit diesem Erlebnis vergangen. In Tijuana (Mexiko) absolvierte ich direkt nach meinem Schulabschluss einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst bei den Salesianern Don Boscos. In einer Millionenstadt, die geprägt ist von Armut, Drogen und Entwurzelung, war ich Spielkamerad, Nachhilfelehrer, Streitschlichter, Zuhörer und großer Bruder für die Kinder und Jugendlichen im Stadtteil. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort ermöglichten wir den jungen Menschen und ihren Familien neue Zukunftsperspektiven. Geprägt durch die Erfahrung in Mexiko, entschloss ich mich für den Weg im Salesianerorden und begleite heute junge Menschen, die ein Volontariat in Don Bosco Projekten weltweit absolvieren.

Jugend für Jugend

Jahr für Jahr nützen in Deutschland und Österreich rund 85 junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren diese Möglichkeit. Viele machen es direkt nach der Matura, einige nach dem Ausbildungs- oder Studienabschluss. Die Freiwilligen wirken für zwölf Monate in Einrichtungen der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Afrika, Asien und Lateinamerika mit. In ihren Tätigkeitsbereich fallen schulische Nachhilfe und berufliche Ausbildung, Sport und Spiel, Kunst und Musik, handwerkliche Tätigkeiten und pädagogische Aufgaben, Feste und Ausflüge. Die Volontäre bringen ihre eigenen Stärken und Talente ein und sind eingebunden in ein Team aus Ordensleuten und Mitarbeitern verschiedener Berufsfelder.

Neben diesem vielschichtigen Aufgabenprofil ist das schlichte Da-Sein für junge Menschen das Entscheidende. Das geschieht, wenn eine Volontärin ein Mädchen tröstet, oder wenn ein Volontär ein Kind bei den Hausaufgaben individuell begleitet. Die jungen Freiwilligen ersetzen keine Mitarbeiter vor Ort, sondern sorgen für ein gewisses Mehr und eine wertvolle Ergänzung. Sie sind altersmäßig nah dran an den Lebensrealitäten der betreuten Kinder und Jugendlichen und verbringen viel Zeit mit ihnen. Wächst das Vertrauen, leisten sie einen wichtigen Beitrag der individuellen Förderung und nehmen eine Brückenfunktion zwischen den Kindern und den Verantwortlichen ein. Pater Thathireddy Vijay Bhaskar SDB, ein langjähriger Projektpartner aus Hyderabad (Indien), schätzt an den Volontären, dass Kinder in ihrer Gegenwart die Möglichkeit haben, „ihre Gefühle zu erkennen und auszudrücken“.

Ein Freiwilligendienst fern von der Heimat birgt auch Herausforderungen. Während des Jahres spüren viele eine Überforderung in der pädagogischen Arbeit, sind konfrontiert mit einer Armut und einem Leid, das sie so bisher nicht kannten, oder leiden unter einer gewissen Einsamkeit in einer ganz anderen Welt. Eine persönliche Begleitung hilft, an solchen Situationen wachsen zu können.

Schutzengel für andere

Das Volontariat hat bei den Salesianern Don Boscos und den Don Bosco Schwestern eine lange Tradition, die bis auf Don Bosco zurückgeht. Seine ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den sonntäglichen Treffen auf den Plätzen Turins in den Jahren 1841–1846 waren Freiwillige. Don Boscos Mutter und viele Jugendliche halfen tatkräftig mit. So entwickelte sich aus dem zaghaften Beginn im Pinardischuppen in Turin-Valdocco das weltumspannende Jugendwerk Don Boscos.

Junge, engagierte Helfer schlossen sich zu sogenannten Bündnissen zusammen. Neben dem gemeinsamen Gebet überlegten sie, wie sie anderen Gutes tun können. Eine ihrer Aufgaben war es, sogenannte Schutzengel für Neuankömmlinge im Internat zu sein, sie einzuführen und zu begleiten, damit sie sich schnell zu Hause fühlen. Unter diesen Freiwilligen waren Persönlichkeiten wie der selige Michele Rua, der erste Nachfolger Don Boscos in der Ordensleitung, oder der heilige Domenico Savio, der schon mit 15 Jahren verstarb.

Egotrip oder Voluntourismus?

Wenig zu tun hat ein Don Bosco Freiwilligeneinsatz mit Formen des Voluntourismus, der massiv in der Kritik steht. Dabei vermitteln Agenturen mehrwöchige Kurzaufenthalte in afrikanischen Waisenhäusern. Außer einem aufgepeppten Lebenslauf und Likes auf Facebook bleibt wenig über. Die Don Bosco Entsendeorganisationen achten auf Nachhaltigkeit und Qualität. Sie arbeiten mit langjährigen Projektpartnern zusammen und sichern die Rahmenbedingungen in puncto Aufgaben, Lebensumfeld und Begleitung ab. Jahreseinsätze sorgen für eine kontinuierliche Präsenz der Freiwilligen vor Ort.

Festzuhalten ist aber, dass Freiwilligeneinsätze derzeit meist eine Einbahnstraße von Industriestaaten in Länder des globalen Südens sind. Sogenannte Reverse-Programme wollen auch jungen Menschen aus Indien, Kamerun oder Ecuador ermöglichen, einen Freiwilligendienst in Europa zu leisten, entstehen aber erst langsam.

Zentral für die Qualität der Freiwilligeneinsätze sind die Vorbereitung und die Begleitung während und nach dem Einsatz. Die Entsendeorganisationen in Deutschland und Österreich können dabei auf eine mehr als 20-jährige Erfahrung in diesem Feld zurückgreifen. In der Vorbereitung werden Praxisnähe und Professionalität durch die Präsenz von kürzlich zurückgekehrten Volontären und Hauptamtlichen garantiert. Die Inhalte sind auf den Dienst in Don Bosco Projekten in anderen Kulturkreisen abgestimmt. Viel Wert wird auf die Persönlichkeitsentwicklung der teilnehmenden jungen Erwachsenen gelegt. Eine Mutter meinte beim Sendungsgottesdienst am Ende der Vorbereitungszeit: „Das Volontariat hat sich für meinen Sohn schon vor dem Abflug gelohnt. Er ist allein in der Vorbereitung ungemein gereift.“

Mehr empfangen als geben

Volontariat im Sinne Don Boscos ist gelebte Solidarität und Begegnung auf Augenhöhe. Für viele endet die Volontariatserfahrung nicht mit dem Rückflug nach Hause. Sie engagieren sich in ihrem Umfeld weiterhin für das Anliegen Don Boscos und sind Botschafter für Bildung, Gerechtigkeit und Frieden und Ausdruck einer jungen, dynamischen Kirche.

Als ich nach zwölf Monaten von Mexiko nach Hause zurückkehrte, war mein stärkster Gedanke: „Ich habe viel mehr empfangen, als ich gegeben habe.“ Bei einzelnen Kindern waren die Früchte der pädagogischen Arbeit sichtbar, andere Wirkungen habe ich nie erfahren. Ich teilte dort das Leben mit den Menschen und gab immer mein Bestes. Mein Blick auf das Leben hat sich ungemein erweitert.

Aus der mehrjährigen Begleitung der Freiwilligen weiß ich, dass viele eine ganz ähnliche Erfahrung machen. Sie erleben sich als Lernende und als Beschenkte. Eine der Lernerfahrungen ist, dass Freiwilligenarbeit eine Lebenseinstellung ist. Zu geben, ohne immer etwas zurückzufordern – und das über Sprach- und Ländergrenzen hinweg –, das ist der Samen für eine schönere und friedlichere Welt.

(Erschienen im Jänner 2017 im Don Bosco Magazin)

Baustelle, Brücke, Europa: Rede bei meiner Sponsion

Rede bei meiner Sponsion am 25.11.2016

Sehr geehrte Damen und Herren!

Als Absolvent des Masters „Sozialwirtschaft und Soziale Arbeit“ möchte ich einige Gedanken mit Ihnen teilen. Wie waren die zwei Studienjahre hier an der FH Campus Wien? Auf diese Frage sind mir drei Bilder gekommen. Das sind eine Baustelle, eine Brücke und Europa.

Beginnen möchte ich mit der Baustelle. Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber ja, Sie haben richtig gehört. Denn Baustellen hat es in diesen zwei Jahren einige gegeben. Da ist einmal die U-Bahn-Baustelle. Entweder haben wir zu schnell studiert oder die Bauarbeiter waren zu langsam. Fakt ist, dass wir bei der Fahrt zur Fachhochschule leider nicht in den Genuss der U-Bahn gekommen sind und etwas mühsam mit der Straßenbahn hier herausgefahren sind. Baustelle, das gilt auch für die FH. Da ist der Zubau zu nennen, der draußen auf der Wiese in Windeseile errichtet wurde. Oder auch das neue Curriculum in unserem Master, das hoffentlich noch besser ist als unseres.

Baustelle passt aber auch irgendwie zu uns Studierenden. Oft haben wir ja sprichwörtlich gesagt „mehrere Baustellen gleichzeitig“ und unser Leben ist in gewisser Weise eine Baustelle, an der wir bauen. Wir bauen uns eine eigene Existenz auf, machen mehrere Ausbildungen, arbeiten an unserer Persönlichkeit und streben auf unseren Wunschjob zu. Wir bauen an unserer Zukunft!
Mir ist da die Parallele zu Unternehmen eingefallen. Jede Organisation hat heutzutage eine „Vision“ und eine „Mission“. Ich denke, dass gerade ein Studienabschluss ein guter Moment ist um innezuhalten und sich zu fragen: Was ist denn meine „Vision“? Was ist die „Mission“ in meinem Leben? Ich wünsche uns Absolventinnen und Absolventen, dass wir uns der persönlichen „Vision“ und „Mission“ bewusst sind, und dass aus so mancher Baustelle, die noch da ist, mit der Zeit ein schönes Bauwerk wird.

Ich komme jetzt zum zweiten Bild, zur Brücke. Brücken sind eine super Sache, sie verbinden zwei Ufer miteinander und vereinfachen den Austausch und die Mobilität. Auf unseren Master Sozialwirtschaft bezogen, sehe ich die Brücke vor allem zwischen den akademischen Disziplinen. Salopp gesagt sollen mit diesem Master Sozialarbeiter etwas von der Wirtschaft lernen und die Wirtschaftler wiederum die Logik der Sozialen Arbeit verstehen. In der Komplexität unserer Zeit ist die Interdisziplinarität immens wichtig.

Die Vorqualifikationen in unserem Studienjahrgang waren sehr breit: Von VWL bis Soziale Arbeit, von Lehramt bis Internationale Entwicklung. Es waren viele Zugänge auf das Thema, die ungemein bereichernd waren. Ich selber zum Beispiel habe meine Kompetenzen als Sozialarbeiter und Theologe eingebracht. Brücken bauen zwischen Disziplinen, aber nicht nur dort.

Mein drittes Bild ist Europa. Wir sind ein Europäisches Masterstudium, ein sogenannter „Joint Degree Master“ mit Partnerhochschulen in 8 Ländern Europas. Ein Viertel des Studiums haben wir in Kooperationen mit Partnerhochschulen absolviert, wir haben zwei gute und intensive Studienwochen im europäischen Ausland verbracht und wir haben ein EU-Projekt konzipiert. Ja, Europa war ein wichtiges Thema in unserem Studium. Ich und meine Studienkollegen haben das als sehr bereichernd erlebt. Soziale Herausforderungen können nicht innerhalb nationaler Grenzen gelöst werden. Es braucht gemeinsame, solidarische Lösungen. Europa steht vor Herausforderungen, und unser Europäischer Master hilft, dass wir selber einen Beitrag leisten.

Baustelle, Brücke und Europa sind meine drei Bilder. Sie stehen für das jetzt abgeschlossene Studium, doch sie bedeuten für mich viel mehr. Für mich stehen sie  auch für das Mensch sein an sich. Und wer will, darf sie auch politisch interpretieren. Danke!

(Rede bei der Sponsion am 25. November 2016 am FH Campus Wien)

Radpilger der Barmherzigkeit

Mit dem Rad nach Krakau

Wien-Krakau: 15 Jugendliche fuhren die 545 Kilometer mit eigener Muskelkraft. Die Werke der Barmherzigkeit begleiteten sie auf dem Pilgerweg.

Die Mittagssonne brennt kräftig herunter und Schweißtropfen perlen über die Gesichter. Mit langsamem Tritt schlängelt sich eine Radgruppe den Pass zwischen der Slowakei und Polen hinauf. Ihr Ziel ist das Weltjugendtreffen in Krakau. Die 15 jungen Radfahrerinnen und Radfahrer unter Begleitung von zwei Salesianern Don Boscos pilgern sportlich zum Jugendtreffen und legen die 545 Kilometer ab Wien mit dem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen übernachten mit Schlafsack und Isomatte in Pfarr- und Ordenshäusern und kochen, essen und beten gemeinsam. Nach einem langen Radtag ist der Hunger umso größer.

Eine aus der Gruppe ist die 22-jährige Judith. Die Psychologiestudentin ist bereits zum dritten Mal bei einem Weltjugendtag dabei und freut sich riesig auf Krakau: „Die Vigilfeiern mit dem Papst und die Übernachtung im Freien waren für mich unvergessliche Momente.“ Sie erinnert sich gerne an die „Gastfreundschaft, das Gruppengefühl und die tolle Stimmung“ in Madrid und Rio de Janeiro zurück. Was an einem Weltjugendtag so besonders ist? Für Judith sind es die neuen Bekanntschaften aus der ganzen Welt und die verbindende Kraft des katholischen Glaubens. Dieses Mal hat sie sich für die Radwallfahrt nach Krakau entschieden und ist dankbar: „Die Anstrengungen waren schon groß, doch die Genugtuung es gemeinsam geschafft zu haben noch größer.“ Sie ist beeindruckt von den vielfältigen Landschaften auf der Strecke und dem Zusammenhalt in der Gruppe. „Für mich war es eine intensive Vorbereitung auf Krakau, denn wir haben uns mit den Werken der Barmherzigkeit beschäftigt und beim Radfahren war viel Zeit zum Nachdenken“, ergänzt sie.

Burgen und Badeseen

Sieben Tage dauert der Pilgerweg nach Krakau mit dem Fahrrad. Von Wien über das Weinviertel führt der Weg durch slowakisches Hügelland an Sonnenblumenfeldern und Burgen vorbei. In Šaštín, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsort der Slowakei, macht die Gruppe Mittagspause und betet in der Basilika. Anschließend schenkt ein Badesee eine willkommene Abkühlung. Die Radpilger fahren das Waagtal hinauf nach Trenčín und besichtigen dort die königliche Burg aus dem 11. Jahrhundert, die über der Stadt thront und eine imposante Aussicht bietet. Am Stadtplatz von Žilina spielt beim Eis genießen sogar eine Live-Band slowakische Lieder. Die Königsetappe der Tour führt die Gruppe von Žilina über einen Pass in den Westkarpaten nach Polen, wo die Radpilger in Szczyrk, einem Marienwallfahrtsort in den Bergen, Aufnahme finden. Die mehr als 1.200 Höhenmeter allein an diesem Tag kosten viel Kraft.

„Stopp, eine Panne!“, kommt es von hinten und der Fahrradtross verlangsamt sich bei der nächsten Haltebucht. Ein platter Reifen kann auf einer langen Strecke immer passieren. Das Werkzeugset wird ausgepackt, der Reifen abmontiert und innerhalb von 20 Minuten ist alles repariert und es geht weiter. Technische Gebrechen werfen die Gruppe zeitmäßig zurück, doch das ist für niemanden ein Grund aufzugeben. Um den richtigen Weg zu finden, helfen genaue Radkarten und der Abgleich der aktuellen Position mittels GPS. Die drei Navigatoren der Gruppe halten vor einer Kreuzung an und beraten sich kurz über den weiteren Weg. Schutzengel braucht es auf einer internationalen Radwallfahrt einige. Einmal sind es zu umfahrende Schlaglöcher auf schnellen Abfahrten, ein andermal knapp überholende LKWs auf Bundesstraßen. Kilometer um Kilometer fahren sie im Windschatten hintereinander und kommen dem großen Ziel Krakau immer näher.

Barmherzigkeit modern

Eine wichtige Aufgabe hat Pater Otto. Der 59-jährige Salesianerpater fährt den Begleitbus und schaut, dass es allen gut geht: „Ich bin positiv überrascht, wie gut die Jugendlichen auf der Radwallfahrt harmonieren und sich gegenseitig unterstützen.“ Für die Mittagspause hat er ein schattiges Plätzchen am Fluss auskundschaftet und eine große Wassermelone als Erfrischung eingekauft. Auf einem Gaskocher wärmt er die Reste des Bohneneintopfs vom Vortag auf. Jeden Tag in der Früh stellt er den Jugendlichen ein Werk der Barmherzigkeit vor. In der modernen Fassung von Bischof Joachim Wanke heißen sie „Du gehörst dazu“, „Ich rede gut über dich“, „Ich gehe ein Stück mit dir“ oder „Ich bete für dich“. Auf den ersten Kilometern ist für alle genug Zeit um nachzudenken, was diese Werke für das eigene Leben bedeuten: „Was fühlst du, wenn du ausgegrenzt wirst? Wie kannst du andere integrieren und sie spüren lassen, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind?“ Gerade weil diese sieben Werke so konkret und alltagstauglich sind, werden sie von den Jugendlichen gerne aufgenommen. Sie sind eine Hinführung zum Thema dieses Weltjugendtreffens: „Selig die Barmherzigen“. Papst Franziskus hat junge Menschen aus der ganzen Welt eingeladen, auf ihrer Pilgerreise nach Krakau neu zu entdecken, was gelebte Barmherzigkeit bedeutet – zum Beispiel durch Meditation dieser sogenannten „Neuen Werke der Barmherzigkeit“.

Markus ist mit 15 Jahren zwar der Jüngste der Gruppe, doch auf dem Fahrrad meist vorne dabei. Der sportliche Schüler erfuhr von seinem älteren Bruder von der Radwallfahrt und dem Weltjugendtreffen und war sofort begeistert: „Sport und Glaube, das ist eine gute Kombi.“ Markus ist Ministrant in seiner Pfarrei und zum ersten Mal bei einem internationalen Jugendtreffen. Er freut sich am meisten auf das „Österreichertreffen in Krakau und die Messe mit dem Papst“. Mit scheinbar großer Leichtigkeit meistert er die Strapazen der Radtour: „Ich habe mich oft an das Hinterrad eines anderen drangehängt, das war eine große Hilfe.“

Auschwitz: Mahnung für die Zukunft

Am sechsten Tag der Radwallfahrt fährt die Gruppe bis Oświęcim und besucht abends die Gedenkstätte Auschwitz. In der Weltjugendtagswoche ist das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau nur für die Pilger des Jugendtreffens geöffnet, damit möglichst viele junge Menschen aus aller Welt diesen mahnenden Gedenkort des Tötens und der Unmenschlichkeit mit eigenen Augen sehen können. Schweigend und zugleich mit vielen Fragen gehen die Jugendlichen von Baracke zu Baracke mit dem unbehaglichen Gefühl, dass an diesem Ort tausende und abertausende Menschen den Tod fanden.

Bei der anschließenden Austauschrunde in der Gruppe sprechen die Jugendlichen sehr offen über das, was sie bewegt hat. Einer meint: „Ich frage mich, was in den Tätern vorgegangen ist, um zu solcher Grausamkeit fähig zu sein.“ Ein anderer aus der Gruppe zeigt sich fasziniert vom Mut des heiligen Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager Auschwitz für einen Familienvater freiwillig in den Tod ging. Und eine Radpilgerin fügt hinzu: „Es brauchte diese Orte der Geschichte, um für die Gegenwart und Zukunft zu lernen.“ Das Teilen der persönlichen Eindrücke und der Emotionen tut den Jugendlichen gut, auch wenn Fragen bleiben. Mit dem Lied „Ubi caritas, Deus ibi est“ und dem priesterlichen Segen beschließen sie den Tag und drücken aus, dass in der Liebe Gottes die stärkste Kraft ist.

Die letzte Etappe führt die Gruppe von Oświęcim nach Krakau, wo sich in diesen Tagen junge Menschen aus allen Kontinenten mit Papst Franziskus treffen. Im Stadtzentrum winken viele den Radpilgern entgegen – schließlich ist es eine Besonderheit, mit dem Fahrrad zum Weltjugendtreffen zu kommen. Nach vielen einsamen Stunden auf dem Rad ist hier volles Leben mit singenden Jugendgruppen und schwenkenden Fahnen. Sieben Tage Radpilgern gehen zu Ende und werden den teilnehmenden Jugendlichen lange in Erinnerung bleiben. Einer der Radpilger sagt im Rückblick: „Bei schweren Anstiegen und aufgrund der Hitze fühlte ich mich am Ende meiner Kräfte, doch die anderen motivierten mich.“ Gerade in Herausforderungen und Grenzsituation eine helfende Hand und ein gutes Wort zu spüren, war eine Grunderfahrung während dem Pilgern. Beeindruckt waren die Mitfahrenden von der großen Gastfreundschaft vieler Menschen auf dem Weg. Auch wenn es nur frisches Wasser auf der Strecke oder die freundliche Aufnahme im Quartier war – es waren Werke der Barmherzigkeit.

(Erschienen am 28. Juli 2016 in „Die Tagespost“)