Radpilger der Barmherzigkeit

Mit dem Rad nach Krakau

Wien-Krakau: 15 Jugendliche fuhren die 545 Kilometer mit eigener Muskelkraft. Die Werke der Barmherzigkeit begleiteten sie auf dem Pilgerweg.

Die Mittagssonne brennt kräftig herunter und Schweißtropfen perlen über die Gesichter. Mit langsamem Tritt schlängelt sich eine Radgruppe den Pass zwischen der Slowakei und Polen hinauf. Ihr Ziel ist das Weltjugendtreffen in Krakau. Die 15 jungen Radfahrerinnen und Radfahrer unter Begleitung von zwei Salesianern Don Boscos pilgern sportlich zum Jugendtreffen und legen die 545 Kilometer ab Wien mit dem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen übernachten mit Schlafsack und Isomatte in Pfarr- und Ordenshäusern und kochen, essen und beten gemeinsam. Nach einem langen Radtag ist der Hunger umso größer.

Eine aus der Gruppe ist die 22-jährige Judith. Die Psychologiestudentin ist bereits zum dritten Mal bei einem Weltjugendtag dabei und freut sich riesig auf Krakau: „Die Vigilfeiern mit dem Papst und die Übernachtung im Freien waren für mich unvergessliche Momente.“ Sie erinnert sich gerne an die „Gastfreundschaft, das Gruppengefühl und die tolle Stimmung“ in Madrid und Rio de Janeiro zurück. Was an einem Weltjugendtag so besonders ist? Für Judith sind es die neuen Bekanntschaften aus der ganzen Welt und die verbindende Kraft des katholischen Glaubens. Dieses Mal hat sie sich für die Radwallfahrt nach Krakau entschieden und ist dankbar: „Die Anstrengungen waren schon groß, doch die Genugtuung es gemeinsam geschafft zu haben noch größer.“ Sie ist beeindruckt von den vielfältigen Landschaften auf der Strecke und dem Zusammenhalt in der Gruppe. „Für mich war es eine intensive Vorbereitung auf Krakau, denn wir haben uns mit den Werken der Barmherzigkeit beschäftigt und beim Radfahren war viel Zeit zum Nachdenken“, ergänzt sie.

Burgen und Badeseen

Sieben Tage dauert der Pilgerweg nach Krakau mit dem Fahrrad. Von Wien über das Weinviertel führt der Weg durch slowakisches Hügelland an Sonnenblumenfeldern und Burgen vorbei. In Šaštín, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsort der Slowakei, macht die Gruppe Mittagspause und betet in der Basilika. Anschließend schenkt ein Badesee eine willkommene Abkühlung. Die Radpilger fahren das Waagtal hinauf nach Trenčín und besichtigen dort die königliche Burg aus dem 11. Jahrhundert, die über der Stadt thront und eine imposante Aussicht bietet. Am Stadtplatz von Žilina spielt beim Eis genießen sogar eine Live-Band slowakische Lieder. Die Königsetappe der Tour führt die Gruppe von Žilina über einen Pass in den Westkarpaten nach Polen, wo die Radpilger in Szczyrk, einem Marienwallfahrtsort in den Bergen, Aufnahme finden. Die mehr als 1.200 Höhenmeter allein an diesem Tag kosten viel Kraft.

„Stopp, eine Panne!“, kommt es von hinten und der Fahrradtross verlangsamt sich bei der nächsten Haltebucht. Ein platter Reifen kann auf einer langen Strecke immer passieren. Das Werkzeugset wird ausgepackt, der Reifen abmontiert und innerhalb von 20 Minuten ist alles repariert und es geht weiter. Technische Gebrechen werfen die Gruppe zeitmäßig zurück, doch das ist für niemanden ein Grund aufzugeben. Um den richtigen Weg zu finden, helfen genaue Radkarten und der Abgleich der aktuellen Position mittels GPS. Die drei Navigatoren der Gruppe halten vor einer Kreuzung an und beraten sich kurz über den weiteren Weg. Schutzengel braucht es auf einer internationalen Radwallfahrt einige. Einmal sind es zu umfahrende Schlaglöcher auf schnellen Abfahrten, ein andermal knapp überholende LKWs auf Bundesstraßen. Kilometer um Kilometer fahren sie im Windschatten hintereinander und kommen dem großen Ziel Krakau immer näher.

Barmherzigkeit modern

Eine wichtige Aufgabe hat Pater Otto. Der 59-jährige Salesianerpater fährt den Begleitbus und schaut, dass es allen gut geht: „Ich bin positiv überrascht, wie gut die Jugendlichen auf der Radwallfahrt harmonieren und sich gegenseitig unterstützen.“ Für die Mittagspause hat er ein schattiges Plätzchen am Fluss auskundschaftet und eine große Wassermelone als Erfrischung eingekauft. Auf einem Gaskocher wärmt er die Reste des Bohneneintopfs vom Vortag auf. Jeden Tag in der Früh stellt er den Jugendlichen ein Werk der Barmherzigkeit vor. In der modernen Fassung von Bischof Joachim Wanke heißen sie „Du gehörst dazu“, „Ich rede gut über dich“, „Ich gehe ein Stück mit dir“ oder „Ich bete für dich“. Auf den ersten Kilometern ist für alle genug Zeit um nachzudenken, was diese Werke für das eigene Leben bedeuten: „Was fühlst du, wenn du ausgegrenzt wirst? Wie kannst du andere integrieren und sie spüren lassen, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind?“ Gerade weil diese sieben Werke so konkret und alltagstauglich sind, werden sie von den Jugendlichen gerne aufgenommen. Sie sind eine Hinführung zum Thema dieses Weltjugendtreffens: „Selig die Barmherzigen“. Papst Franziskus hat junge Menschen aus der ganzen Welt eingeladen, auf ihrer Pilgerreise nach Krakau neu zu entdecken, was gelebte Barmherzigkeit bedeutet – zum Beispiel durch Meditation dieser sogenannten „Neuen Werke der Barmherzigkeit“.

Markus ist mit 15 Jahren zwar der Jüngste der Gruppe, doch auf dem Fahrrad meist vorne dabei. Der sportliche Schüler erfuhr von seinem älteren Bruder von der Radwallfahrt und dem Weltjugendtreffen und war sofort begeistert: „Sport und Glaube, das ist eine gute Kombi.“ Markus ist Ministrant in seiner Pfarrei und zum ersten Mal bei einem internationalen Jugendtreffen. Er freut sich am meisten auf das „Österreichertreffen in Krakau und die Messe mit dem Papst“. Mit scheinbar großer Leichtigkeit meistert er die Strapazen der Radtour: „Ich habe mich oft an das Hinterrad eines anderen drangehängt, das war eine große Hilfe.“

Auschwitz: Mahnung für die Zukunft

Am sechsten Tag der Radwallfahrt fährt die Gruppe bis Oświęcim und besucht abends die Gedenkstätte Auschwitz. In der Weltjugendtagswoche ist das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau nur für die Pilger des Jugendtreffens geöffnet, damit möglichst viele junge Menschen aus aller Welt diesen mahnenden Gedenkort des Tötens und der Unmenschlichkeit mit eigenen Augen sehen können. Schweigend und zugleich mit vielen Fragen gehen die Jugendlichen von Baracke zu Baracke mit dem unbehaglichen Gefühl, dass an diesem Ort tausende und abertausende Menschen den Tod fanden.

Bei der anschließenden Austauschrunde in der Gruppe sprechen die Jugendlichen sehr offen über das, was sie bewegt hat. Einer meint: „Ich frage mich, was in den Tätern vorgegangen ist, um zu solcher Grausamkeit fähig zu sein.“ Ein anderer aus der Gruppe zeigt sich fasziniert vom Mut des heiligen Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager Auschwitz für einen Familienvater freiwillig in den Tod ging. Und eine Radpilgerin fügt hinzu: „Es brauchte diese Orte der Geschichte, um für die Gegenwart und Zukunft zu lernen.“ Das Teilen der persönlichen Eindrücke und der Emotionen tut den Jugendlichen gut, auch wenn Fragen bleiben. Mit dem Lied „Ubi caritas, Deus ibi est“ und dem priesterlichen Segen beschließen sie den Tag und drücken aus, dass in der Liebe Gottes die stärkste Kraft ist.

Die letzte Etappe führt die Gruppe von Oświęcim nach Krakau, wo sich in diesen Tagen junge Menschen aus allen Kontinenten mit Papst Franziskus treffen. Im Stadtzentrum winken viele den Radpilgern entgegen – schließlich ist es eine Besonderheit, mit dem Fahrrad zum Weltjugendtreffen zu kommen. Nach vielen einsamen Stunden auf dem Rad ist hier volles Leben mit singenden Jugendgruppen und schwenkenden Fahnen. Sieben Tage Radpilgern gehen zu Ende und werden den teilnehmenden Jugendlichen lange in Erinnerung bleiben. Einer der Radpilger sagt im Rückblick: „Bei schweren Anstiegen und aufgrund der Hitze fühlte ich mich am Ende meiner Kräfte, doch die anderen motivierten mich.“ Gerade in Herausforderungen und Grenzsituation eine helfende Hand und ein gutes Wort zu spüren, war eine Grunderfahrung während dem Pilgern. Beeindruckt waren die Mitfahrenden von der großen Gastfreundschaft vieler Menschen auf dem Weg. Auch wenn es nur frisches Wasser auf der Strecke oder die freundliche Aufnahme im Quartier war – es waren Werke der Barmherzigkeit.

(Erschienen am 28. Juli 2016 in „Die Tagespost“)

Kirche braucht gute Kommunikatoren

2014/15 absolvierte ich den Kurs „Beruf Journalist“ der Katholischen Medien Akademie in Wien und lernte dabei immens viel. Ich habe eine irakische Ordensfrau interviewt, eine Radiosendung über Weihnachten produziert und über innovative Pfarren in den USA berichtet. Bei den Praktikas in der Presseagentur Kathpress und der Caritas-Kommunikationsabteilung lernte ich professionelles Arbeiten in der Praxis kennen. In der Journalismus-Ausbildung habe ich einen sensiblen Umgang mit Sprache eingeübt und die Medienwelt von innen kennengelernt. Für mich sind das wichtige Kompetenzen im Hinblick auf meine zukünftige Tätigkeit als Seelsorger und Priester.

Jesus war zweifelsohne ein großer Kommunikator. Wir Christen haben viele „Good News“, über die wir sprechen können. Gleichzeitig erlebe ich in der Kirche eine gewisse Scheu gegenüber Medien. Wichtig sind daher Medientrainings als Teil der theologischen Ausbildung. Solche Trainings geben Wissen und Sicherheit und eröffnen neue Möglichkeiten der aktiven Mediennutzung – auch um die Botschaft Jesu heute zeitgerecht anzubieten. Egal ob über Flüchtlingshilfe, Bildung oder Spiritualität: Die katholische Kirche hat etwas zu sagen und braucht dafür gute Kommunikatoren.

(Erschienen in „Miteinander“, 3/2016)

An den Rändern des Lebens

Kloster Pupping als neue Heimat für 10 Asylwerber

Gefangene besuchen, Fremde aufnehmen: Zu Besuch bei einer Kleinen Schwester Jesu und einem Franziskaner.

„Morgen besuche ich einen Freund im Gefängnis“, erzählt Schwester Janine Cogné mit ruhiger Stimme. Sie ist Kleine Schwester Jesu und lebt mit zwei Mitschwestern in einer einfachen Mietwohnung im Linzer Franckviertel. In den letzten 40 Jahren war sie als Freiwillige des Vereins „Soziale Gerichtshilfe“ oft in Haftanstalten wie Garsten, Schwarzau oder Wien-Josefstadt: „Ich bin keine ausgebildete Sozialarbeiterin, ich möchte für die Inhaftierten einfach eine gute Freundin sein.“ Mittlerweile ist die gebürtige Französin 80 Jahre alt und will kürzer treten: „In Gefängnisse werde ich nicht mehr gehen. Viele haben wieder ein normales Leben und diese Freundschaften pflege ich weiter.“ Freundschaft ist für die Ordensfrau ein zentraler Begriff geworden. Im Gefängnis habe sie das getan, was jeder für Freunde tun würde: Mitfühlen, Zeit schenken, zuhören, beistehen und kleine Dienste übernehmen.

Mit jedem verwandt

Mit einem Schmunzeln erzählt Schwester Janine vom allerersten Besuch im Gefängnis. „Es war 1976“, weiß sie noch genau. Damals saßen einige Nachbarn aus dem Barackenviertel Haftstrafen ab und Schwester Janine wollte sie besuchen. Beim ersten und zweiten Mal wurde sie abgewiesen, weil sie keine Verwandte sei, beim dritten Versuch sagte sie einfach selbstsicher: „Ich bin eine Kleine Schwester Jesu und dadurch mit jedem verwandt.“ Sie wurde hineingelassen und die Gefängnisbesuche wurden ihr Herzensanliegen: „Die Begegnung von Mensch zu Mensch ist das Entscheidende. Die Häftlinge haben niemand und sind verachtet. Sie sind auch für mich zum Geschenk geworden.“

Auf das Warum ihres Engagements mit Gefangenen sagt Schwester Janine: „Jesus war der Erste, der den Ausgestoßenen nahe war. Sie waren die Freunde Jesu.“ Die Sorge um die Armen und Kleinen ist Teil der DNA ihrer Ordensgemeinschaft, die sich auf Charles de Foucauld (1858-1916) beruft. Foucauld war französischer Soldat und nach einem Bekehrungserlebnis mit 26 Jahren wurde er Priester in einem Trappistenkloster. 15 Jahre lang lebte er als Einsiedler unter den Tuaregs in Algerien und bemühte sich um Dialog und Frieden, ehe er von Aufständischen 1916 erschossen wurde. Ganz in seiner Spur wollen die Kleinen Brüder und Schwestern denen Freunde werden, die keine Freunde haben. „Für mich war die Kirche weit entfernt von den Menschen“, erinnert sich Schwester Janine an ihre Jugendzeit in Frankreich und war fasziniert von der Spiritualität des Charles de Foucauld. Mit 23 Jahren entschloss sie sich trotz Widerständen in der eigenen Familie zum Ordenseintritt bei den Kleinen Schwestern Jesu. Deren Gründerin Magdeleine Hutin ist ihr zum Vorbild geworden: „Schwester Magdeleine hatte ein Herz für Menschen am Rand und immer wieder ziemlich verrückte Ideen, die dann auch in Erfüllung gingen. Sie hatte ein riesiges Gottvertrauen.“ Die Gründerin habe oft betont, wie wichtig die Präsenz in den Gefängnissen sei. Auch mit 80 Jahren denkt Schwestern Janine nicht an Ruhestand: „Wenn ich ein paar freie Stunden habe, helfe ich bei der Flüchtlingsversorgung am Hauptbahnhof und sortiere Kleider oder gebe Essen aus.“

Neue Heimat im Kloster

Schauplatzwechsel. Das Shalomkloster Pupping  30 Kilometer weiter ist ein offener Ort für Gäste. Im Kloster leben seit Anfang des Jahres zusätzlich zur franziskanischen Gemeinschaft und Dauergästen auch zehn Asylwerber. „Das ist etwas Einmaliges in Österreich“, erzählt Franziskanerbruder Fritz Wenigwieser, der seit dem Neubeginn 1998 in Pupping ist und das Kloster leitet. Er renoviert gerade mit einigen Hausbewohnern einen neuen Gemeinschaftsraum oberhalb der Kirche. Die weißen Wände und der Holzboden sind schon fertig, es ist ein einladender Raum geworden. Bruder Fritz betont, wie wichtig das handwerkliche Arbeiten für die Integration geflüchteter Menschen ist. Erfolgserlebnisse seien schnell sichtbar und das Gewaltpotential sinke. An den Nachmittagen kommen Lehrkräfte für den Deutschunterricht ins Haus. Die Asylwerber hätten sich schnell eingelebt, erzählt Bruder Fritz: „Es sind Christen und Moslems und bei der Adventkranzsegnung haben sie die Musik und die Fürbitten übernommen.“ Eine Herausforderung sei weiterhin die psychische Belastung durch Krieg und Flucht, in einem Fall konnte ein Therapieplatz vermittelt werden. Bruder Fritz: „Entscheidend ist Beziehung und die wächst durch das gemeinsame Essen und Arbeiten.“

Barmherzigkeit konkret

Gefangene besuchen und Fremde aufnehmen zählen zu den Werken der Barmherzigkeit, die Jesus in Matthäus 25 aufzählt. Papst Franziskus hat Barmherzigkeit zum Leitbegriff der katholischen Kirche zumindest für die kommenden zwölf Monate ausgerufen, indem er am 8. Dezember ein Heiliges Jahr eröffnete. In „Misericordiae vultus“, dem Einladungsschreiben zum „Jahr der Barmherzigkeit“, lädt er alle Christinnen und Christen ein, über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit im persönlichen Leben zu reflektieren. Vor dem „Drama der Armut“ laufe unser Gewissen Gefahr einzuschlafen, so Franziskus.

„Not muss berühren“, sagt Bruder Fritz in Bezug auf die Ankunft tausender Flüchtlinge. Er sieht den Auftrag der Franziskaner darin, an den heutigen Bruchstellen des Lebens präsent zu sein: „Ich war freiwillig als Pilger unterwegs und frage mich: Wie würde es mir gehen, wenn ich mich auf die Flucht begeben müsste?“ Für den Franziskanerbruder geht es um das Brücken bauen zu den Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Gewalt nach Österreich gekommen sind. Besonders das Erlernen eines friedvollen Miteinanders mit Moslems sei wichtig. Durch das gemeinsame Leben und Arbeiten im Kloster kennt Bruder Fritz die zehn Gäste aus dem Nahen Osten mittlerweile gut. Er denkt auch schon an den übernächsten Schritt. Wird Asyl gewährt, brauchen sie einen Job und eine Wohnung. Sein Plan: „Wir suchen kaputte Wohnungen in Linz, die wir dann selbständig renovieren.“

Experimentieren für morgen

Inspiration für sein Tun hat Bruder Fritz von einem amerikanischen Ordensbruder bekommen, mit dem er in Assisi mehrere Jahre zusammenarbeitete: „Bruder Paul besitzt außer der umgehängten Tasche nichts. Er lebt wirklich radikal.“ Gemeinsam führten sie dort ein Aufnahmezentrum für Menschen in Not und pilgerten in den Wintermonaten auf dem Jakobsweg nach Santiago: „Auf dem Weg haben wir Obdachlosigkeit und Gastfreundschaft erfahren.“ Er erzählt, dass sie von fremden Leuten einmal sogar um Mitternacht aufgenommen wurden. Mit diesen Erfahrungen kam Bruder Fritz 1998 nach Österreich zurück und gründete das Shalomkloster Pupping, das bereits ab 1476 ein Franziskanerkloster war.

Die Aufnahme von Flüchtlingen direkt in die Klostergemeinschaft in Pupping ist für Bruder Fritz ein Experiment. Seiner Ansicht nach sollten gerade Ordensleute noch viel mehr experimentieren. Ein Pfarrer könne das aufgrund seiner Verpflichtungen nicht, aber gerade Ordensgemeinschaften hätten den nötigen Freiraum um neue Wege zu versuchen. Diese Lernerfahrungen könnten dann in Kirche und Gesellschaft zurückwirken. Bruder Fritz: „Wer wenn nicht wir? Es geht um die Kirche von morgen.“

(Erschienen am 17. Dezember 2015 in „Die Furche“, Foto: Shalomkloster Pupping)

Danke! Thank you! Grazie!

Wohnhaus Don Boscos

In Becchi, 30 Kilometer östlich von Turin, ist Giovanni Bosco auf die Welt gekommen. Damals war es ein unbedeutendes Örtchen zwischen Feldern und Weinbergen, heute besuchen jedes Jahr Hunderttausende aus der ganzen Welt die Basilika und die Museen am sogenannten „Colle Don Bosco“.

Wenn ich Geburtstag feiere, ist die Dankbarkeit das erste und wichtigste für mich. Leben zu dürfen, ist ein Geschenk, das ich zuallererst meinen Eltern verdanke. Darüber hinaus finde ich viele weitere Gründe um dankbar zu sein: Familie und Freunde, Friede und Sicherheit, Freiheit und Bildungsmöglichkeiten. Mein Dank richtet sich an viele Menschen und auch an Gott. Er steht für mich hinter allem, seine Spuren durfte ich im vergangenen Jahr oft entdecken. Der Colle Don Bosco ist für mich ein besonderer Ort, weil dort einer meiner großen Vorbilder geboren wurde.

Danke, Thank you, Grazie: Das Leben mit all seinen Möglichkeiten ist ein Geschenk, für das ich dankbar bin – am Geburtstag in besonderer Weise und hoffentlich noch viele weitere Male während des Jahres.

(Erschienen am 4. November 2015, im „Jahr der Orden“ teilen Don Bosco Schwestern und Salesianer Don Boscos mittwochs ein Gute Nacht Wort im Internet)

Helfen zu können, macht uns zu Menschen

Freiwillige empfangen ankommende Flüchtlinge

Wer in den vergangenen Wochen aufmerksam durch die Straßen ging, entdeckte immer wieder den Spruch „Helfen zu können, macht uns zu Menschen“. Die Caritas bat mit diesem Spruch und einer dargestellten Umarmung um Spenden für Menschen, die in Ländern wie Libanon oder Südsudan hungern.

Was dieser Ausspruch bedeutet, wurde mir aufgrund der Ereignisse um die ankommenden Flüchtlinge neu bewusst. Tausende Frauen, Männer und Kinder, auf der Flucht von Krieg und Gewalt, klopfen an die Türen unseres Landes. Sie klopfen auch an die Türen unseres Herzens. Sehr viele Menschen antworteten prompt: Sie halfen und packten an – und schenkten viel Zeit, Liebe und was sonst für die Erstbetreuung nötig war. Solidarität war an diesen Orten nicht nur ein hohles Wort, sondern wurde in den Helferinnen und Helfern konkret.

Angesichts der Not im nahen Umfeld und in der weiten Welt, stellt sich jeder von uns immer wieder neu die Frage: Was kann ich tun? Diese Frage sich ehrlich stellen und dann etwas tun – das macht Menschsein aus.

(Erschienen am 23. September 2015, im „Jahr der Orden“ teilen Don Bosco Schwestern und Salesianer Don Boscos mittwochs ein Gute Nacht Wort im Internet)

(Fotocredit: CC BY-NC 2.0 Franz Ferdinand Photography)

Mit der Jugend – für die Jugend!

5.000 Jugendliche aus der ganzen Welt feiern den 200. Geburtstag Don Boscos (Foto: Andrea Cherchi)

Den 200. Geburtstag des heiligen Johannes Bosco feierten 5.000 Jugendliche, Salesianer und Don  Bosco Schwestern aus der ganzen Welt am Geburtsort des Jugendheiligen. Die Woche der Begegnung stand unter dem Thema „Wie Don Bosco: Mit der Jugend und für die Jugend“.

10. August

4.30 Uhr vor dem Wiener Don Bosco Haus. „Das Abenteuer beginnt“, ruft Pater Rudolf Osanger den Versammelten zu. Der Busfahrer verstaut die Koffer und Isomatten im Kofferraum, die Mitreisenden zwischen 16 und 28 Jahren suchen sich die besten Plätze im Bus. Grund der Reise ist eine Geburtstagsparty. 5.000 Jugendliche aus der ganzen Welt feiern den 200. Geburtstag Don Boscos. Kurz nach der Abfahrt spricht Pater Rudolf ein Reisegebet und verspricht: „Die ganze Welt wird in Turin versammelt sein.“ 14 Stunden später trifft die 65-köpfige Reisegruppe aus Österreich in Turin ein und bezieht im Ausbildungszentrum „Rebaudengo“ der Salesianer Quartier.

11. August

Singen, Klatschen und Tanzen: Reges Treiben herrscht vor Turins größter Sporthalle „Pala Ruffini“ und eine Freudenstimmung liegt in der Luft. Südkorea, Argentinien, Syrien und 50 Länder mehr: Verschiedenste Flaggen zeigen die Herkunft aus allen Kontinenten. Die jungen Österreicher sind sofort hineingenommen in dieses fröhliche und friedliche Miteinander. Selfies werden geschossen und Armbänder ausgetauscht. Der 17-jährige David erzählt: „Ich habe mit Leuten aus Gabun auf Französisch gesprochen und mit Ungarn um Mitternacht getanzt. Überall ist große Lebensfreude.“

12. August

Der Vormittag beginnt mit Gruppentänzen in der Sporthalle, der spanische Song „Bienvenido San Juan Bosco“ ist der Hit der Woche. Dann schütten Jugendliche graue und schwarze Farben über eine Säule, die für Not und Leid stehen. Doch es kommen bunte Farben dazu: Glaube, Gemeinschaft und Engagement für andere bringen Licht in die Dunkelheit. Interviewpartnerin ist an diesem Tag Madre Yvonne Reungoat, Generaloberin der Don Bosco Schwestern: „Verändert mit euren großen Träumen die Welt. Für euch Jugendliche gibt es keine Grenzen. Die Welt ist eure und
ihr seid von Christus.“ Ein großer Moment ist für viele Jugendliche, als sie am Nachmittag die von Don Bosco erbaute Mariahilf-Basilika besuchen und an seinem Grab beten. Am Abend verwandelt sich der Park um das Veranstaltungsgelände in einen riesigen Marktplatz. Jedes Land präsentiert Landestypisches. Die Österreicher bringen mit Dirndl, Lederhose und Mannerschnitten ein bisschen Rot-Weiß-Rot in die Welt.

13. August

Jugendliche interviewen Don Ángel Fernández, Generaloberer der Salesianer Don Boscos: „Wenn es um das Leben geht, müsst ihr gegen den Strom schwimmen.“ Die 23-jährige Carina hat in der Mittagspause ihre Ukulele dabei und findet weitere Musiker. Mit einem Amerikaner und einer Kanadierin spielt sie „Let it be“. Carina ist begeistert von der Woche: „Es ist hier wie eine Tankstelle. Ich nehme Kraft, Motivation und Begeisterung mit.“ Am Nachmittag sind die Jugendlichen quer durch Turin unterwegs und erkunden die Stadt. Die Österreicher
lernen Spiel und Spaß als wichtiges pädagogisches Element bei Don Bosco kennen. Im Oratorium
„San Luigi“ spielen sie mit Flüchtlingen aus Ägypten und Gabun Fußball.

14. August

Versöhnung ist das Hauptthema am Freitag. Konkret wird das Thema durch die Erzählungen
von Don Munir El Rai aus Syrien: „Versöhnung ist möglich, aber sehr schwer.“ Die Salesianer haben entschieden, trotz des Krieges in Syrien zu bleiben. Bibelworte wie „Liebe deine Feinde“ bekommen in einem solchen Kontext eine andere, existentielle Bedeutung. Don Munir: „Ja, diese Worte sind verrückt. Nur mit der Hilfe Gottes können wir sie leben.“ Es gelte die „Sprache der Liebe“ zu lernen. Stille kehrt ein, als alle zu einer persönlichen Reflexion und zur Beichte eingeladen werden.

15. August

Der vorletzte Tag des Jugendtreffens hat angefangen. In Castelnuovo beginnen alle einen acht Kilometer langen Pilgerweg zu Don Boscos Geburtsort. Die Wolken werden immer dunkler und kurze Zeit später regnet es in Strömen. Trotz Regenschutz kommen alle durchnässt am Colle Don Bosco an. Die 17-jährige Valentina nimmt es locker: „Wir hatten trotzdem viel Spaß. Ich habe gespürt, dass Gott für mich da ist.“ Aufgrund des Regens wird das Nachtquartier kurzfristig ins Gebäudeinnere verlegt und die Abendveranstaltung abgesagt. Isomatten und Schlafsäcke liegen in jedem freien Winkel des Hauses. Sogar die Kirche wird kurzerhand zum Schlafsaal umfunktioniert.

16. August

Trotz der Programmänderungen und der widrigen Umstände lassen es sich die Jugendlichen nicht nehmen, um Mitternacht Don Bosco an seinem Geburtstag mit Liedern und Tänzen zu feiern. Kein Feuerwerk, sondern hunderte, bunte Plastikbälle fliegen durch die Luft. Wieder bei Sonnenschein beginnt am Morgen der Festgottesdienst zum 200. Geburtstag Don Boscos. „Danke Don Bosco“, sagt Don Ángel im Namen aller. Er segnet ein großes Holzkreuz, das die Jugendlichen nun zu internationalen Treffen mitnehmen werden, vielleicht auch einmal in Österreich. Für den Generaloberen ist das Jubiläum ein Moment der Dankbarkeit und gleichzeitig Auftrag, seinen Geist weiterzutragen: „Viva Jesus. Viva Don Bosco.“

(Erschienen im Don Bosco Magazin Österreich 5/2015, Foto: Andrea Cherchi)

Lasst euch Freude, Reinheit und Hoffnung nicht nehmen

Österreich trifft USA beim Geburtstagsfest für Don Bosco in Turin

Singen, Klatschen und Tanzen: Reges Treiben herrscht vor Turins größter Sporthalle und eine Freudenstimmung liegt irgendwie in der Luft. Südkorea, Argentinien, Syrien und 50 Länder mehr: Verschiedenste Flaggen zeigen die Herkunft aus allen Kontinenten. 5.000 Jugendliche warten darauf endlich hineingelassen zu werden, denn in wenigen Minuten beginnt eine Geburtstagsparty. Nicht nur einen Tag lang wird gefeiert, sondern gleich sechs. Es ist der 200. Geburtstag Don Boscos.

Auch wir Österreicher sind mittendrin und sofort hineingenommen in dieses fröhliche und friedliche Miteinander. Schon am ersten Tag werden Armbänder ausgetauscht und trotz verschiedener Sprachen kommuniziert. „Special guest“ am Eröffnungstag ist der belgische Salesianerbischof Luc van Looy. Er ist gern mit den Jugendlichen zusammen und strahlt große Väterlichkeit und Weisheit aus. Auf die Frage, was Don Bosco den Jugendlichen heute sagen würde, meinte er: „Lasst euch Freude, Reinheit und Hoffnung nicht nehmen!“

(Erschienen am 3. Juni 2015, im „Jahr der Orden“ teilen Don Bosco Schwestern und Salesianer Don Boscos mittwochs ein Gute Nacht Wort im Internet)