Coraggio! Nur Mut!

Coraggio - Beitrag im miteinander 5-6/2017

Ein junger Ordensmann erzählt von mutigen Entscheidungen, Ratschlägen eines erfahrenen Mitbruders und seinem Lieblingsort: den Bergen.

„Los! Du kannst kommen!“, ruft mir der Bergführer zu. Vor mir erhebt sich eine schräge Felsplatte, eine Schlüsselstelle auf der Westroute zur Zimba. Dieser Berg liegt im Vorarlberger Rätikongebiet und wird auch als Matterhorn Vorarlbergs bezeichnet. Als Kind blickte ich jeden Tag auf die imposanten Felsen dieses Berges. Einmal oben zu stehen, das war mein Traum. Direkt vor der schwierigsten Stelle liegt nun ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch. Nicht nur der Puls steigt, auch die Unsicherheit. Langsam taste ich mich vor und suche nach sicheren Griffen. Ich hänge am Sicherungsseil und weiß: Es kann nichts passieren, obwohl es auf der einen Seite hunderte Meter steil nach unten abfällt. „Peter, du schaffst das!“, ruft mir mein Bruder von oben zu.

Ich Priester?

Vor zehn Jahren habe ich mich entschlossen, den Weg zum katholischen Priester zu beginnen. Ich war damals Volontär in Mexiko, engagierte mich dort in einem Jugendzentrum und dachte viel über mein Leben nach. Gründer eines Internetstartups oder Priester waren für mich mögliche Zukunftsträume. Ähnlich wie auf einer Bergtour hatte ich in dieser ungewissen Lebenssituation ein starkes Sicherungsseil durch meine Familie und meinen Freundeskreis. Trotz mancher Unsicherheiten spürte ich immer klarer die innere Stimme zur Christusnachfolge als Priester. Die Freude und der Friede, die ich dabei spürte, bestätigten mich in meiner Entscheidung.

Zwei Jahre später war ich im Noviziat der Salesianer Don Boscos in Pinerolo in Norditalien. In der dynamischen, internationalen Gemeinschaft lebte auch Pater Natale, der immer ein gutes Wort für uns 24 Novizen hatte. Der 90-Jährige ging viel im angrenzenden Park spazieren und strahlte viel Weisheit aus. 30 Jahre hatte er als Missionar in China verbracht. Bei den Mahlzeiten erzählte er gerne abenteuerliche Geschichten aus seinem Leben und schloss mit einem mutmachenden Wort: „Coraggio!“ – „Nur Mut!“ Im Vorbeigehen rief er uns öfters zu: „Immer vorwärts! Ohne Angst!“

Am Sicherungsseil vorwärts

Trotz Unsicherheiten weiterzugehen, ist eine immense Herausforderung, manchmal sogar eine Überforderung. In vielen Situationen erlebe ich, wie wichtig die Seilsicherung ist, die mich festhält. Sie steht als Symbol für das, was mich trägt. Mein Sicherungsseil besteht aus tragenden menschlichen Beziehungen und der Zusage Gottes, dass er mir nah und treu ist. Dieses Vertrauen hilft, vorhandene Ängste wahrzunehmen und zu überwinden.

Viel Mut erforderte für mich der Schritt nach Mexiko, noch mehr jener zum gottgeweihten Leben. Viel Mut erfordern aber auch Alltagssituationen, die mich aus einer gewissen Komfortzone herauslocken. Immer wieder denke ich mir in der Tagesreflexion: „Hätte ich doch dieses und jenes gemacht!“ oder „Warum war ich in dieser Situation nicht mutiger?“ Zugleich habe ich oft die Erfahrung gemacht: Der Mut zum ersten Schritt ermöglicht neue Chancen und Wege.

Die schräge Platte auf dem Weg zur Zimba habe ich überwunden und dann mit meinen zwei Brüdern die Aussicht am Gipfel genossen. Ohne das Sicherungsseil wäre die Angst zu groß gewesen und ich hätte es nicht geschafft. Mit Mut zu leben bedeutet für mich, mir der Sicherheiten in meinem Leben bewusst zu sein, die mir Gott und wichtige Mitmenschen schenken. Dieses Vertrauen bestärkt mich, nicht stehen zu bleiben, sondern – wie Pater Natale uns Novizen sagte – immer weiterzugehen. Coraggio! Nur Mut!

(Erschienen im Mai 2017 im Magazin „miteinander“)

Eine Schifahr-Predigt

(6. Sonntag im Jahreskreis A)

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wir haben eine wunderbare Schiwoche in Ost- und Südtirol verbracht. Pulverschnee, Natur, Berge, Sonne, Spaß, gute Gespräche, gemeinsames Beten – alles ist dabei gewesen. Die Texte aus der heiligen Schrift drehen sich heute um das Thema der Gebote. Welche Bedeutung haben Gebote in unserem Leben? Will uns Gott mit seinen Gesetzen drohen? Oder vielmehr die Richtung zu einem geglückten Leben zeigen?

Pater Hans hat mich gebeten zu erzählen, was das Wort Gottes für mich bedeutet und was es in meinem Leben bewirkt hat. Das tue ich sehr gerne. Ich bin ein begeisterter Schifahrer und möchte heute anhand von Bildern aus der Schiwelt davon erzählen.

Stellen wir uns vor, wir stehen an der Bergstation, die Schi angeschnallt und bereit zum losfahren. Doch davor wandert unser Blick noch in alle Himmelsrichtungen in dieser traumhaften Bergkulisse. Für mich steht die Sonne für Gott. Sie ist immer da. Auch wenn es bewölkt oder neblig ist, spendet die Sonne Licht. So ist es auch im Leben: Nicht immer ist Gott direkt wahrnehmbar. Manchmal spüre ich ihn nicht – und er ist doch da.

Für mich steht die Piste für die Gemeinschaft der Gläubigen, für die Kirche. Es gibt viele Möglichkeiten sich auf der Piste fortzubewegen. Einige schnell, andere langsam, jemand liegt im Schnee. Zusammen bilden sie eine Gemeinschaft, die in die gleiche Richtung unterwegs ist.

Am Pistenrand stehen Schutzzäune an steil abfallenden Stellen und viele Hinweis- und Richtungsschilder. Die Schilder und Zäune stehen für die Gebote Gottes. Sie zeigen uns den Weg und warnen vor gefährlichen Stellen. Um auf der Piste des Lebens voranzukommen, helfen uns die Gebote Gottes. Jesus nimmt die reiche jüdische Tradition an Geboten auf und akzentuiert sie mit seinem Leben:

  • Liebe: Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (vgl. Mk 12,31);
  • Freude: Weil Jesus durch alles Leid gegangen ist und zu neuem Leben auferstanden ist, kann Paulus sagen: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit“ (vgl. Phil 4,4);
  • offene Augen: Weil Jesus aktiv auf Ausgeschlossene zugegangen ist und geholfen hat;
  • oder Treue und Geduld.

Von meinem Lebens- und Glaubensweg möchte ich auch mit Bildern des Schifahrens erzählen. (1) Geburt und Kindheit waren für mich wie eine große, breite Piste. Ich bin in einer wunderbaren Familie mit zwei Brüdern aufgewachsen und habe gute Ausbildungsmöglichkeiten bekommen. Nach dem Besuch der Sporthauptschule war ich auf einer HTL für Elektronik und träumte davon, später ein Software-Startup zu gründen.

(2) Ein schwarze Piste war das einjährige Volontariat direkt nach der Matura. Ich war in einem Jugendzentrum der Salesianer Don Boscos in Tijuana/Mexiko tätig. In den vielen Herausforderungen habe ich entdeckt, was alles in mir steckt. In diesem Jahr bin ich mutiger und weitsichtiger geworden. Immer klarer wurde mir, dass ich Salesianer und Priester werden und mit meinem Leben besonders für Kinder und Jugendliche da sein möchte.

(3) Ein Schitrainingslager war das Noviziatsjahr in Italien. Nach dieser intensiven Zeit des Lernens, Ringens und Reifens legte ich 2009 das erste Versprechen als Salesianer Don Boscos ab. (4) Übung, Übung und nochmals Übung ist das Wichtigste für jeden, der ein Meister werden will. Ich habe Theologie, Soziale Arbeit, Sozialmanagement und Journalismus studiert um meine Talente weiterzuentwickeln. Immer war ich auch in der Jugendarbeit aktiv und habe junge Menschen begleitet. (5) Ebenso wichtig ist die Ernährung – für mich das tägliche Gebet: Ich nehme mir Zeit für Gott und bin lobend, bittend und dankend bei ihm. Aus dieser täglich sich erneuernden Beziehung mit Gott schöpfe ich viel Kraft.

(6) Ich bin bald ein fertig ausgebildeter Schitrainer. Als Diakon und Priester möchte ich andere auf den Pisten des Lebens begleiten und ihnen von der Sonne, die Gott ist, erzählen, denn er ist es, der alles Leben ermöglicht. Ebenso möchte ich auch die Pisten verlassen und im Tiefschnee Menschen unterstützen, die feststecken.

Liebe Schwestern und Brüder! Abschließen möchte ich meine Schifahr-Predigt mit drei Wünschen:

  1. An die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schiwoche: Ich wünsche euch, dass ihr nach dieser Urlaubswoche wieder gut zurückkehrt auf die Pisten des Lebens – mit viel Liebe, Freude, offenen Augen und Geduld.
  2. An alle Anwesenden: Bitte betet für mich, dass ich als Diakon und Priester ein guter Begleitung für andere auf den Pisten des Lebens sein kann.
  3. Ich wünsche euch, dass ihr die Gebote Gottes als Hinweisschilder und Schutzzäune sehen könnt, die Jesus uns schenkt. Gott wünscht sich für jeden und jede ein gutes und geglücktes Leben.

Amen.

Bibelstellen:

  • Sir 15,15-20: „Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften“
  • 1 Kor 2,6-10: „Wir verkündigen die Weisheit, die Gott vorausbestimmt hat“
  • Mt 5,17-37: „Wer die Gebote hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“

Ein kleines Stück die Welt verbessern

Volontariat im Don Bosco Magazin 01/17

Als „Don Bosco Volunteers“ engagieren sich junge Erwachsene in Don Bosco Projekten in Österreich und weltweit. Warum sie das machen und was ihr Einsatz ihnen selbst, den Menschen vor Ort und unserer Gesellschaft bringt.

Fünf Kinder stürmen über den betonierten Sportplatz auf mich zu, als ich gerade die Metalltür ins Jugendzentrum aufsperre. Mir um den Hals fallend ruft einer: „Pedro, dürfen wir Kicker spielen?“ Ein Mädchen hält mir stolz einen Zettel hin: „Ich habe den Anmeldeabschnitt für den Ausflug am Samstag dabei.“

Zehn Jahre sind seit diesem Erlebnis vergangen. In Tijuana (Mexiko) absolvierte ich direkt nach meinem Schulabschluss einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst bei den Salesianern Don Boscos. In einer Millionenstadt, die geprägt ist von Armut, Drogen und Entwurzelung, war ich Spielkamerad, Nachhilfelehrer, Streitschlichter, Zuhörer und großer Bruder für die Kinder und Jugendlichen im Stadtteil. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort ermöglichten wir den jungen Menschen und ihren Familien neue Zukunftsperspektiven. Geprägt durch die Erfahrung in Mexiko, entschloss ich mich für den Weg im Salesianerorden und begleite heute junge Menschen, die ein Volontariat in Don Bosco Projekten weltweit absolvieren.

Jugend für Jugend

Jahr für Jahr nützen in Deutschland und Österreich rund 85 junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren diese Möglichkeit. Viele machen es direkt nach der Matura, einige nach dem Ausbildungs- oder Studienabschluss. Die Freiwilligen wirken für zwölf Monate in Einrichtungen der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Afrika, Asien und Lateinamerika mit. In ihren Tätigkeitsbereich fallen schulische Nachhilfe und berufliche Ausbildung, Sport und Spiel, Kunst und Musik, handwerkliche Tätigkeiten und pädagogische Aufgaben, Feste und Ausflüge. Die Volontäre bringen ihre eigenen Stärken und Talente ein und sind eingebunden in ein Team aus Ordensleuten und Mitarbeitern verschiedener Berufsfelder.

Neben diesem vielschichtigen Aufgabenprofil ist das schlichte Da-Sein für junge Menschen das Entscheidende. Das geschieht, wenn eine Volontärin ein Mädchen tröstet, oder wenn ein Volontär ein Kind bei den Hausaufgaben individuell begleitet. Die jungen Freiwilligen ersetzen keine Mitarbeiter vor Ort, sondern sorgen für ein gewisses Mehr und eine wertvolle Ergänzung. Sie sind altersmäßig nah dran an den Lebensrealitäten der betreuten Kinder und Jugendlichen und verbringen viel Zeit mit ihnen. Wächst das Vertrauen, leisten sie einen wichtigen Beitrag der individuellen Förderung und nehmen eine Brückenfunktion zwischen den Kindern und den Verantwortlichen ein. Pater Thathireddy Vijay Bhaskar SDB, ein langjähriger Projektpartner aus Hyderabad (Indien), schätzt an den Volontären, dass Kinder in ihrer Gegenwart die Möglichkeit haben, „ihre Gefühle zu erkennen und auszudrücken“.

Ein Freiwilligendienst fern von der Heimat birgt auch Herausforderungen. Während des Jahres spüren viele eine Überforderung in der pädagogischen Arbeit, sind konfrontiert mit einer Armut und einem Leid, das sie so bisher nicht kannten, oder leiden unter einer gewissen Einsamkeit in einer ganz anderen Welt. Eine persönliche Begleitung hilft, an solchen Situationen wachsen zu können.

Schutzengel für andere

Das Volontariat hat bei den Salesianern Don Boscos und den Don Bosco Schwestern eine lange Tradition, die bis auf Don Bosco zurückgeht. Seine ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den sonntäglichen Treffen auf den Plätzen Turins in den Jahren 1841–1846 waren Freiwillige. Don Boscos Mutter und viele Jugendliche halfen tatkräftig mit. So entwickelte sich aus dem zaghaften Beginn im Pinardischuppen in Turin-Valdocco das weltumspannende Jugendwerk Don Boscos.

Junge, engagierte Helfer schlossen sich zu sogenannten Bündnissen zusammen. Neben dem gemeinsamen Gebet überlegten sie, wie sie anderen Gutes tun können. Eine ihrer Aufgaben war es, sogenannte Schutzengel für Neuankömmlinge im Internat zu sein, sie einzuführen und zu begleiten, damit sie sich schnell zu Hause fühlen. Unter diesen Freiwilligen waren Persönlichkeiten wie der selige Michele Rua, der erste Nachfolger Don Boscos in der Ordensleitung, oder der heilige Domenico Savio, der schon mit 15 Jahren verstarb.

Egotrip oder Voluntourismus?

Wenig zu tun hat ein Don Bosco Freiwilligeneinsatz mit Formen des Voluntourismus, der massiv in der Kritik steht. Dabei vermitteln Agenturen mehrwöchige Kurzaufenthalte in afrikanischen Waisenhäusern. Außer einem aufgepeppten Lebenslauf und Likes auf Facebook bleibt wenig über. Die Don Bosco Entsendeorganisationen achten auf Nachhaltigkeit und Qualität. Sie arbeiten mit langjährigen Projektpartnern zusammen und sichern die Rahmenbedingungen in puncto Aufgaben, Lebensumfeld und Begleitung ab. Jahreseinsätze sorgen für eine kontinuierliche Präsenz der Freiwilligen vor Ort.

Festzuhalten ist aber, dass Freiwilligeneinsätze derzeit meist eine Einbahnstraße von Industriestaaten in Länder des globalen Südens sind. Sogenannte Reverse-Programme wollen auch jungen Menschen aus Indien, Kamerun oder Ecuador ermöglichen, einen Freiwilligendienst in Europa zu leisten, entstehen aber erst langsam.

Zentral für die Qualität der Freiwilligeneinsätze sind die Vorbereitung und die Begleitung während und nach dem Einsatz. Die Entsendeorganisationen in Deutschland und Österreich können dabei auf eine mehr als 20-jährige Erfahrung in diesem Feld zurückgreifen. In der Vorbereitung werden Praxisnähe und Professionalität durch die Präsenz von kürzlich zurückgekehrten Volontären und Hauptamtlichen garantiert. Die Inhalte sind auf den Dienst in Don Bosco Projekten in anderen Kulturkreisen abgestimmt. Viel Wert wird auf die Persönlichkeitsentwicklung der teilnehmenden jungen Erwachsenen gelegt. Eine Mutter meinte beim Sendungsgottesdienst am Ende der Vorbereitungszeit: „Das Volontariat hat sich für meinen Sohn schon vor dem Abflug gelohnt. Er ist allein in der Vorbereitung ungemein gereift.“

Mehr empfangen als geben

Volontariat im Sinne Don Boscos ist gelebte Solidarität und Begegnung auf Augenhöhe. Für viele endet die Volontariatserfahrung nicht mit dem Rückflug nach Hause. Sie engagieren sich in ihrem Umfeld weiterhin für das Anliegen Don Boscos und sind Botschafter für Bildung, Gerechtigkeit und Frieden und Ausdruck einer jungen, dynamischen Kirche.

Als ich nach zwölf Monaten von Mexiko nach Hause zurückkehrte, war mein stärkster Gedanke: „Ich habe viel mehr empfangen, als ich gegeben habe.“ Bei einzelnen Kindern waren die Früchte der pädagogischen Arbeit sichtbar, andere Wirkungen habe ich nie erfahren. Ich teilte dort das Leben mit den Menschen und gab immer mein Bestes. Mein Blick auf das Leben hat sich ungemein erweitert.

Aus der mehrjährigen Begleitung der Freiwilligen weiß ich, dass viele eine ganz ähnliche Erfahrung machen. Sie erleben sich als Lernende und als Beschenkte. Eine der Lernerfahrungen ist, dass Freiwilligenarbeit eine Lebenseinstellung ist. Zu geben, ohne immer etwas zurückzufordern – und das über Sprach- und Ländergrenzen hinweg –, das ist der Samen für eine schönere und friedlichere Welt.

(Erschienen im Jänner 2017 im Don Bosco Magazin)

Baustelle, Brücke, Europa: Rede bei meiner Sponsion

Rede bei meiner Sponsion am 25.11.2016

Sehr geehrte Damen und Herren!

Als Absolvent des Masters „Sozialwirtschaft und Soziale Arbeit“ möchte ich einige Gedanken mit Ihnen teilen. Wie waren die zwei Studienjahre hier an der FH Campus Wien? Auf diese Frage sind mir drei Bilder gekommen. Das sind eine Baustelle, eine Brücke und Europa.

Beginnen möchte ich mit der Baustelle. Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber ja, Sie haben richtig gehört. Denn Baustellen hat es in diesen zwei Jahren einige gegeben. Da ist einmal die U-Bahn-Baustelle. Entweder haben wir zu schnell studiert oder die Bauarbeiter waren zu langsam. Fakt ist, dass wir bei der Fahrt zur Fachhochschule leider nicht in den Genuss der U-Bahn gekommen sind und etwas mühsam mit der Straßenbahn hier herausgefahren sind. Baustelle, das gilt auch für die FH. Da ist der Zubau zu nennen, der draußen auf der Wiese in Windeseile errichtet wurde. Oder auch das neue Curriculum in unserem Master, das hoffentlich noch besser ist als unseres.

Baustelle passt aber auch irgendwie zu uns Studierenden. Oft haben wir ja sprichwörtlich gesagt „mehrere Baustellen gleichzeitig“ und unser Leben ist in gewisser Weise eine Baustelle, an der wir bauen. Wir bauen uns eine eigene Existenz auf, machen mehrere Ausbildungen, arbeiten an unserer Persönlichkeit und streben auf unseren Wunschjob zu. Wir bauen an unserer Zukunft!
Mir ist da die Parallele zu Unternehmen eingefallen. Jede Organisation hat heutzutage eine „Vision“ und eine „Mission“. Ich denke, dass gerade ein Studienabschluss ein guter Moment ist um innezuhalten und sich zu fragen: Was ist denn meine „Vision“? Was ist die „Mission“ in meinem Leben? Ich wünsche uns Absolventinnen und Absolventen, dass wir uns der persönlichen „Vision“ und „Mission“ bewusst sind, und dass aus so mancher Baustelle, die noch da ist, mit der Zeit ein schönes Bauwerk wird.

Ich komme jetzt zum zweiten Bild, zur Brücke. Brücken sind eine super Sache, sie verbinden zwei Ufer miteinander und vereinfachen den Austausch und die Mobilität. Auf unseren Master Sozialwirtschaft bezogen, sehe ich die Brücke vor allem zwischen den akademischen Disziplinen. Salopp gesagt sollen mit diesem Master Sozialarbeiter etwas von der Wirtschaft lernen und die Wirtschaftler wiederum die Logik der Sozialen Arbeit verstehen. In der Komplexität unserer Zeit ist die Interdisziplinarität immens wichtig.

Die Vorqualifikationen in unserem Studienjahrgang waren sehr breit: Von VWL bis Soziale Arbeit, von Lehramt bis Internationale Entwicklung. Es waren viele Zugänge auf das Thema, die ungemein bereichernd waren. Ich selber zum Beispiel habe meine Kompetenzen als Sozialarbeiter und Theologe eingebracht. Brücken bauen zwischen Disziplinen, aber nicht nur dort.

Mein drittes Bild ist Europa. Wir sind ein Europäisches Masterstudium, ein sogenannter „Joint Degree Master“ mit Partnerhochschulen in 8 Ländern Europas. Ein Viertel des Studiums haben wir in Kooperationen mit Partnerhochschulen absolviert, wir haben zwei gute und intensive Studienwochen im europäischen Ausland verbracht und wir haben ein EU-Projekt konzipiert. Ja, Europa war ein wichtiges Thema in unserem Studium. Ich und meine Studienkollegen haben das als sehr bereichernd erlebt. Soziale Herausforderungen können nicht innerhalb nationaler Grenzen gelöst werden. Es braucht gemeinsame, solidarische Lösungen. Europa steht vor Herausforderungen, und unser Europäischer Master hilft, dass wir selber einen Beitrag leisten.

Baustelle, Brücke und Europa sind meine drei Bilder. Sie stehen für das jetzt abgeschlossene Studium, doch sie bedeuten für mich viel mehr. Für mich stehen sie  auch für das Mensch sein an sich. Und wer will, darf sie auch politisch interpretieren. Danke!

(Rede bei der Sponsion am 25. November 2016 am FH Campus Wien)

Radpilger der Barmherzigkeit

Mit dem Rad nach Krakau

Wien-Krakau: 15 Jugendliche fuhren die 545 Kilometer mit eigener Muskelkraft. Die Werke der Barmherzigkeit begleiteten sie auf dem Pilgerweg.

Die Mittagssonne brennt kräftig herunter und Schweißtropfen perlen über die Gesichter. Mit langsamem Tritt schlängelt sich eine Radgruppe den Pass zwischen der Slowakei und Polen hinauf. Ihr Ziel ist das Weltjugendtreffen in Krakau. Die 15 jungen Radfahrerinnen und Radfahrer unter Begleitung von zwei Salesianern Don Boscos pilgern sportlich zum Jugendtreffen und legen die 545 Kilometer ab Wien mit dem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen übernachten mit Schlafsack und Isomatte in Pfarr- und Ordenshäusern und kochen, essen und beten gemeinsam. Nach einem langen Radtag ist der Hunger umso größer.

Eine aus der Gruppe ist die 22-jährige Judith. Die Psychologiestudentin ist bereits zum dritten Mal bei einem Weltjugendtag dabei und freut sich riesig auf Krakau: „Die Vigilfeiern mit dem Papst und die Übernachtung im Freien waren für mich unvergessliche Momente.“ Sie erinnert sich gerne an die „Gastfreundschaft, das Gruppengefühl und die tolle Stimmung“ in Madrid und Rio de Janeiro zurück. Was an einem Weltjugendtag so besonders ist? Für Judith sind es die neuen Bekanntschaften aus der ganzen Welt und die verbindende Kraft des katholischen Glaubens. Dieses Mal hat sie sich für die Radwallfahrt nach Krakau entschieden und ist dankbar: „Die Anstrengungen waren schon groß, doch die Genugtuung es gemeinsam geschafft zu haben noch größer.“ Sie ist beeindruckt von den vielfältigen Landschaften auf der Strecke und dem Zusammenhalt in der Gruppe. „Für mich war es eine intensive Vorbereitung auf Krakau, denn wir haben uns mit den Werken der Barmherzigkeit beschäftigt und beim Radfahren war viel Zeit zum Nachdenken“, ergänzt sie.

Burgen und Badeseen

Sieben Tage dauert der Pilgerweg nach Krakau mit dem Fahrrad. Von Wien über das Weinviertel führt der Weg durch slowakisches Hügelland an Sonnenblumenfeldern und Burgen vorbei. In Šaštín, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsort der Slowakei, macht die Gruppe Mittagspause und betet in der Basilika. Anschließend schenkt ein Badesee eine willkommene Abkühlung. Die Radpilger fahren das Waagtal hinauf nach Trenčín und besichtigen dort die königliche Burg aus dem 11. Jahrhundert, die über der Stadt thront und eine imposante Aussicht bietet. Am Stadtplatz von Žilina spielt beim Eis genießen sogar eine Live-Band slowakische Lieder. Die Königsetappe der Tour führt die Gruppe von Žilina über einen Pass in den Westkarpaten nach Polen, wo die Radpilger in Szczyrk, einem Marienwallfahrtsort in den Bergen, Aufnahme finden. Die mehr als 1.200 Höhenmeter allein an diesem Tag kosten viel Kraft.

„Stopp, eine Panne!“, kommt es von hinten und der Fahrradtross verlangsamt sich bei der nächsten Haltebucht. Ein platter Reifen kann auf einer langen Strecke immer passieren. Das Werkzeugset wird ausgepackt, der Reifen abmontiert und innerhalb von 20 Minuten ist alles repariert und es geht weiter. Technische Gebrechen werfen die Gruppe zeitmäßig zurück, doch das ist für niemanden ein Grund aufzugeben. Um den richtigen Weg zu finden, helfen genaue Radkarten und der Abgleich der aktuellen Position mittels GPS. Die drei Navigatoren der Gruppe halten vor einer Kreuzung an und beraten sich kurz über den weiteren Weg. Schutzengel braucht es auf einer internationalen Radwallfahrt einige. Einmal sind es zu umfahrende Schlaglöcher auf schnellen Abfahrten, ein andermal knapp überholende LKWs auf Bundesstraßen. Kilometer um Kilometer fahren sie im Windschatten hintereinander und kommen dem großen Ziel Krakau immer näher.

Barmherzigkeit modern

Eine wichtige Aufgabe hat Pater Otto. Der 59-jährige Salesianerpater fährt den Begleitbus und schaut, dass es allen gut geht: „Ich bin positiv überrascht, wie gut die Jugendlichen auf der Radwallfahrt harmonieren und sich gegenseitig unterstützen.“ Für die Mittagspause hat er ein schattiges Plätzchen am Fluss auskundschaftet und eine große Wassermelone als Erfrischung eingekauft. Auf einem Gaskocher wärmt er die Reste des Bohneneintopfs vom Vortag auf. Jeden Tag in der Früh stellt er den Jugendlichen ein Werk der Barmherzigkeit vor. In der modernen Fassung von Bischof Joachim Wanke heißen sie „Du gehörst dazu“, „Ich rede gut über dich“, „Ich gehe ein Stück mit dir“ oder „Ich bete für dich“. Auf den ersten Kilometern ist für alle genug Zeit um nachzudenken, was diese Werke für das eigene Leben bedeuten: „Was fühlst du, wenn du ausgegrenzt wirst? Wie kannst du andere integrieren und sie spüren lassen, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind?“ Gerade weil diese sieben Werke so konkret und alltagstauglich sind, werden sie von den Jugendlichen gerne aufgenommen. Sie sind eine Hinführung zum Thema dieses Weltjugendtreffens: „Selig die Barmherzigen“. Papst Franziskus hat junge Menschen aus der ganzen Welt eingeladen, auf ihrer Pilgerreise nach Krakau neu zu entdecken, was gelebte Barmherzigkeit bedeutet – zum Beispiel durch Meditation dieser sogenannten „Neuen Werke der Barmherzigkeit“.

Markus ist mit 15 Jahren zwar der Jüngste der Gruppe, doch auf dem Fahrrad meist vorne dabei. Der sportliche Schüler erfuhr von seinem älteren Bruder von der Radwallfahrt und dem Weltjugendtreffen und war sofort begeistert: „Sport und Glaube, das ist eine gute Kombi.“ Markus ist Ministrant in seiner Pfarrei und zum ersten Mal bei einem internationalen Jugendtreffen. Er freut sich am meisten auf das „Österreichertreffen in Krakau und die Messe mit dem Papst“. Mit scheinbar großer Leichtigkeit meistert er die Strapazen der Radtour: „Ich habe mich oft an das Hinterrad eines anderen drangehängt, das war eine große Hilfe.“

Auschwitz: Mahnung für die Zukunft

Am sechsten Tag der Radwallfahrt fährt die Gruppe bis Oświęcim und besucht abends die Gedenkstätte Auschwitz. In der Weltjugendtagswoche ist das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau nur für die Pilger des Jugendtreffens geöffnet, damit möglichst viele junge Menschen aus aller Welt diesen mahnenden Gedenkort des Tötens und der Unmenschlichkeit mit eigenen Augen sehen können. Schweigend und zugleich mit vielen Fragen gehen die Jugendlichen von Baracke zu Baracke mit dem unbehaglichen Gefühl, dass an diesem Ort tausende und abertausende Menschen den Tod fanden.

Bei der anschließenden Austauschrunde in der Gruppe sprechen die Jugendlichen sehr offen über das, was sie bewegt hat. Einer meint: „Ich frage mich, was in den Tätern vorgegangen ist, um zu solcher Grausamkeit fähig zu sein.“ Ein anderer aus der Gruppe zeigt sich fasziniert vom Mut des heiligen Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager Auschwitz für einen Familienvater freiwillig in den Tod ging. Und eine Radpilgerin fügt hinzu: „Es brauchte diese Orte der Geschichte, um für die Gegenwart und Zukunft zu lernen.“ Das Teilen der persönlichen Eindrücke und der Emotionen tut den Jugendlichen gut, auch wenn Fragen bleiben. Mit dem Lied „Ubi caritas, Deus ibi est“ und dem priesterlichen Segen beschließen sie den Tag und drücken aus, dass in der Liebe Gottes die stärkste Kraft ist.

Die letzte Etappe führt die Gruppe von Oświęcim nach Krakau, wo sich in diesen Tagen junge Menschen aus allen Kontinenten mit Papst Franziskus treffen. Im Stadtzentrum winken viele den Radpilgern entgegen – schließlich ist es eine Besonderheit, mit dem Fahrrad zum Weltjugendtreffen zu kommen. Nach vielen einsamen Stunden auf dem Rad ist hier volles Leben mit singenden Jugendgruppen und schwenkenden Fahnen. Sieben Tage Radpilgern gehen zu Ende und werden den teilnehmenden Jugendlichen lange in Erinnerung bleiben. Einer der Radpilger sagt im Rückblick: „Bei schweren Anstiegen und aufgrund der Hitze fühlte ich mich am Ende meiner Kräfte, doch die anderen motivierten mich.“ Gerade in Herausforderungen und Grenzsituation eine helfende Hand und ein gutes Wort zu spüren, war eine Grunderfahrung während dem Pilgern. Beeindruckt waren die Mitfahrenden von der großen Gastfreundschaft vieler Menschen auf dem Weg. Auch wenn es nur frisches Wasser auf der Strecke oder die freundliche Aufnahme im Quartier war – es waren Werke der Barmherzigkeit.

(Erschienen am 28. Juli 2016 in „Die Tagespost“)

Kirche braucht gute Kommunikatoren

2014/15 absolvierte ich den Kurs „Beruf Journalist“ der Katholischen Medien Akademie in Wien und lernte dabei immens viel. Ich habe eine irakische Ordensfrau interviewt, eine Radiosendung über Weihnachten produziert und über innovative Pfarren in den USA berichtet. Bei den Praktikas in der Presseagentur Kathpress und der Caritas-Kommunikationsabteilung lernte ich professionelles Arbeiten in der Praxis kennen. In der Journalismus-Ausbildung habe ich einen sensiblen Umgang mit Sprache eingeübt und die Medienwelt von innen kennengelernt. Für mich sind das wichtige Kompetenzen im Hinblick auf meine zukünftige Tätigkeit als Seelsorger und Priester.

Jesus war zweifelsohne ein großer Kommunikator. Wir Christen haben viele „Good News“, über die wir sprechen können. Gleichzeitig erlebe ich in der Kirche eine gewisse Scheu gegenüber Medien. Wichtig sind daher Medientrainings als Teil der theologischen Ausbildung. Solche Trainings geben Wissen und Sicherheit und eröffnen neue Möglichkeiten der aktiven Mediennutzung – auch um die Botschaft Jesu heute zeitgerecht anzubieten. Egal ob über Flüchtlingshilfe, Bildung oder Spiritualität: Die katholische Kirche hat etwas zu sagen und braucht dafür gute Kommunikatoren.

(Erschienen in „Miteinander“, 3/2016)

An den Rändern des Lebens

Kloster Pupping als neue Heimat für 10 Asylwerber

Gefangene besuchen, Fremde aufnehmen: Zu Besuch bei einer Kleinen Schwester Jesu und einem Franziskaner.

„Morgen besuche ich einen Freund im Gefängnis“, erzählt Schwester Janine Cogné mit ruhiger Stimme. Sie ist Kleine Schwester Jesu und lebt mit zwei Mitschwestern in einer einfachen Mietwohnung im Linzer Franckviertel. In den letzten 40 Jahren war sie als Freiwillige des Vereins „Soziale Gerichtshilfe“ oft in Haftanstalten wie Garsten, Schwarzau oder Wien-Josefstadt: „Ich bin keine ausgebildete Sozialarbeiterin, ich möchte für die Inhaftierten einfach eine gute Freundin sein.“ Mittlerweile ist die gebürtige Französin 80 Jahre alt und will kürzer treten: „In Gefängnisse werde ich nicht mehr gehen. Viele haben wieder ein normales Leben und diese Freundschaften pflege ich weiter.“ Freundschaft ist für die Ordensfrau ein zentraler Begriff geworden. Im Gefängnis habe sie das getan, was jeder für Freunde tun würde: Mitfühlen, Zeit schenken, zuhören, beistehen und kleine Dienste übernehmen.

Mit jedem verwandt

Mit einem Schmunzeln erzählt Schwester Janine vom allerersten Besuch im Gefängnis. „Es war 1976“, weiß sie noch genau. Damals saßen einige Nachbarn aus dem Barackenviertel Haftstrafen ab und Schwester Janine wollte sie besuchen. Beim ersten und zweiten Mal wurde sie abgewiesen, weil sie keine Verwandte sei, beim dritten Versuch sagte sie einfach selbstsicher: „Ich bin eine Kleine Schwester Jesu und dadurch mit jedem verwandt.“ Sie wurde hineingelassen und die Gefängnisbesuche wurden ihr Herzensanliegen: „Die Begegnung von Mensch zu Mensch ist das Entscheidende. Die Häftlinge haben niemand und sind verachtet. Sie sind auch für mich zum Geschenk geworden.“

Auf das Warum ihres Engagements mit Gefangenen sagt Schwester Janine: „Jesus war der Erste, der den Ausgestoßenen nahe war. Sie waren die Freunde Jesu.“ Die Sorge um die Armen und Kleinen ist Teil der DNA ihrer Ordensgemeinschaft, die sich auf Charles de Foucauld (1858-1916) beruft. Foucauld war französischer Soldat und nach einem Bekehrungserlebnis mit 26 Jahren wurde er Priester in einem Trappistenkloster. 15 Jahre lang lebte er als Einsiedler unter den Tuaregs in Algerien und bemühte sich um Dialog und Frieden, ehe er von Aufständischen 1916 erschossen wurde. Ganz in seiner Spur wollen die Kleinen Brüder und Schwestern denen Freunde werden, die keine Freunde haben. „Für mich war die Kirche weit entfernt von den Menschen“, erinnert sich Schwester Janine an ihre Jugendzeit in Frankreich und war fasziniert von der Spiritualität des Charles de Foucauld. Mit 23 Jahren entschloss sie sich trotz Widerständen in der eigenen Familie zum Ordenseintritt bei den Kleinen Schwestern Jesu. Deren Gründerin Magdeleine Hutin ist ihr zum Vorbild geworden: „Schwester Magdeleine hatte ein Herz für Menschen am Rand und immer wieder ziemlich verrückte Ideen, die dann auch in Erfüllung gingen. Sie hatte ein riesiges Gottvertrauen.“ Die Gründerin habe oft betont, wie wichtig die Präsenz in den Gefängnissen sei. Auch mit 80 Jahren denkt Schwestern Janine nicht an Ruhestand: „Wenn ich ein paar freie Stunden habe, helfe ich bei der Flüchtlingsversorgung am Hauptbahnhof und sortiere Kleider oder gebe Essen aus.“

Neue Heimat im Kloster

Schauplatzwechsel. Das Shalomkloster Pupping  30 Kilometer weiter ist ein offener Ort für Gäste. Im Kloster leben seit Anfang des Jahres zusätzlich zur franziskanischen Gemeinschaft und Dauergästen auch zehn Asylwerber. „Das ist etwas Einmaliges in Österreich“, erzählt Franziskanerbruder Fritz Wenigwieser, der seit dem Neubeginn 1998 in Pupping ist und das Kloster leitet. Er renoviert gerade mit einigen Hausbewohnern einen neuen Gemeinschaftsraum oberhalb der Kirche. Die weißen Wände und der Holzboden sind schon fertig, es ist ein einladender Raum geworden. Bruder Fritz betont, wie wichtig das handwerkliche Arbeiten für die Integration geflüchteter Menschen ist. Erfolgserlebnisse seien schnell sichtbar und das Gewaltpotential sinke. An den Nachmittagen kommen Lehrkräfte für den Deutschunterricht ins Haus. Die Asylwerber hätten sich schnell eingelebt, erzählt Bruder Fritz: „Es sind Christen und Moslems und bei der Adventkranzsegnung haben sie die Musik und die Fürbitten übernommen.“ Eine Herausforderung sei weiterhin die psychische Belastung durch Krieg und Flucht, in einem Fall konnte ein Therapieplatz vermittelt werden. Bruder Fritz: „Entscheidend ist Beziehung und die wächst durch das gemeinsame Essen und Arbeiten.“

Barmherzigkeit konkret

Gefangene besuchen und Fremde aufnehmen zählen zu den Werken der Barmherzigkeit, die Jesus in Matthäus 25 aufzählt. Papst Franziskus hat Barmherzigkeit zum Leitbegriff der katholischen Kirche zumindest für die kommenden zwölf Monate ausgerufen, indem er am 8. Dezember ein Heiliges Jahr eröffnete. In „Misericordiae vultus“, dem Einladungsschreiben zum „Jahr der Barmherzigkeit“, lädt er alle Christinnen und Christen ein, über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit im persönlichen Leben zu reflektieren. Vor dem „Drama der Armut“ laufe unser Gewissen Gefahr einzuschlafen, so Franziskus.

„Not muss berühren“, sagt Bruder Fritz in Bezug auf die Ankunft tausender Flüchtlinge. Er sieht den Auftrag der Franziskaner darin, an den heutigen Bruchstellen des Lebens präsent zu sein: „Ich war freiwillig als Pilger unterwegs und frage mich: Wie würde es mir gehen, wenn ich mich auf die Flucht begeben müsste?“ Für den Franziskanerbruder geht es um das Brücken bauen zu den Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Gewalt nach Österreich gekommen sind. Besonders das Erlernen eines friedvollen Miteinanders mit Moslems sei wichtig. Durch das gemeinsame Leben und Arbeiten im Kloster kennt Bruder Fritz die zehn Gäste aus dem Nahen Osten mittlerweile gut. Er denkt auch schon an den übernächsten Schritt. Wird Asyl gewährt, brauchen sie einen Job und eine Wohnung. Sein Plan: „Wir suchen kaputte Wohnungen in Linz, die wir dann selbständig renovieren.“

Experimentieren für morgen

Inspiration für sein Tun hat Bruder Fritz von einem amerikanischen Ordensbruder bekommen, mit dem er in Assisi mehrere Jahre zusammenarbeitete: „Bruder Paul besitzt außer der umgehängten Tasche nichts. Er lebt wirklich radikal.“ Gemeinsam führten sie dort ein Aufnahmezentrum für Menschen in Not und pilgerten in den Wintermonaten auf dem Jakobsweg nach Santiago: „Auf dem Weg haben wir Obdachlosigkeit und Gastfreundschaft erfahren.“ Er erzählt, dass sie von fremden Leuten einmal sogar um Mitternacht aufgenommen wurden. Mit diesen Erfahrungen kam Bruder Fritz 1998 nach Österreich zurück und gründete das Shalomkloster Pupping, das bereits ab 1476 ein Franziskanerkloster war.

Die Aufnahme von Flüchtlingen direkt in die Klostergemeinschaft in Pupping ist für Bruder Fritz ein Experiment. Seiner Ansicht nach sollten gerade Ordensleute noch viel mehr experimentieren. Ein Pfarrer könne das aufgrund seiner Verpflichtungen nicht, aber gerade Ordensgemeinschaften hätten den nötigen Freiraum um neue Wege zu versuchen. Diese Lernerfahrungen könnten dann in Kirche und Gesellschaft zurückwirken. Bruder Fritz: „Wer wenn nicht wir? Es geht um die Kirche von morgen.“

(Erschienen am 17. Dezember 2015 in „Die Furche“, Foto: Shalomkloster Pupping)